Ökumenischer Gottesdienst 2015 - Amphitheater

Ökumenischer Gottesdienst So 19.7.2015 im Amphitheater des Englischen gartens

"Selbstverständlich ökumenisch"
(Im Folgenden finden Sie alle Texte, die im Gottesdienst gelesen wurden)

Wo ich Gott gefunden habe (Sailer)
Ich suchte meinen Gott
zuerst auf allen Vieren,
und fand Ihn nicht!
Dann sucht ich Ihn
in der Natur
und fand zwar seine Spur,
Ihn aber nicht.
D'rauf sucht' ich Ihn in dem Verstand,
und forscht', und zweifelte, und irrte,
und schnitzelte ein Bildchen mir von Gott,
liebkost' es fein - verlor's -
und fand's nicht wieder!
Jetzt sucht' ich, Suchens müde,
in heil'gen Schriften
und fand ein Bild von Ihm,
von seiner Hand gezeichnet,
und einen Stern.
Ich folgte diesem schönen, hellen Stern.
Und suchte meinen Gott
im Heiligtume. -
Und fand Ihn hier.

Kurzeinführung Thema: Ökumene und ökumenische Einstellung schon vor über 200 Jahren selbstverständlich in Gestalt von Sailer (rk) und Claudius (evang.). Wollen sie zu Wort kommen lassen!
Kurzbiographie Sailer
Johann Michael Sailer wurde 1751 in einem Dorf bei Schrobenhausen in einer armen Schusterfamilie geboren. Seine katholischen Eltern haben ihm ein tiefes Vertrauen in die Güte und Führung Gottes vermittelt. Seine hohe Begabung wurde erkannt und er konnte das Gymnasium besuchen und Theologie studieren. Er blieb aber immer bescheiden und erhob sich nicht über seine Mitschüler.
Einige Jahre konnte er als Theologieprofessor in Ingolstadt und Landshut wirken. Doch er wurde verleumdet, eingeschränkt und abgesetzt. Er schrieb ein "Gebetbuch für katholische Christen" und viele seelsorgerliche Bücher, Gedichte und Lieder, die sehr verbreitet wurden. "Er war ein Mann des Gebetes, ... Wenn man ihn beten sah, wurde man ergriffen von seiner Versunkenheit in die Andacht. Er betete oft lange mit geschlossenen Augen. " In der gefühlsmäßig kalten Zeit der rationalistischen Theologie, die das Gebet nicht mehr für so zeitgemäß hielt, stieß das Gebetbuch in eine Lücke und wurde bei vielen Christen sehr beliebt. Gerade bei evangelischen Christen hatte das katholische Gebetbuch ganz großen Erfolg. Das gefiel aber strengen Katholiken nicht.
Um Sailer sammelten sich sehr viele Studenten, auch Handwerker, Bürger und hohe Adelige kamen zu seinen Vorlesungen, Kronprinz Ludwig von Bayern war von Sailer sehr angetan - Sailer sprach sehr verständlich, anschaulich und überzeugte. Sailer brachte Tausende junge Menschen wieder zum christlichen Glauben zurück und prägte viele Theologiestudenten, die die Kirche erneuerten und es gab eine neue Bewegung zu einem lebendigen Glauben hin. Sailer war aufgeschlossen für den Dialog mit den fragen der neuen Zeit und pflegte viele Freundschaften über Grenzen hinweg, gerade auch mit Evangelischen, auch mit Matthias Claudius. Es gab leider auch viele Neider und Gegner, die es immer wieder schafften, ihm Steine in den Weg zu legen. Längst hätte er Bischof werden sollen, doch sein Ruf wurde zerstört. Er sei ein geheimer Verschwörer und zu tolerant, er würde seine evangelischen Freunde nicht zum Katholischen Glauben bekehren. Die einen hielten ihn für zu fortschrittlich, andere für zu rückschrittlich. Es wird ihm vorgeworfen, er sei scheinheilig und verdirbt die Jugend. Es wird die wenig gepflegte Sprache seiner Predigten bemängelt, sowie die darin enthaltene zu starke Betonung des Glaubens bei gleichzeitigem Fehlen der heilsamen Furcht vor Sünde und Höllenstrafe. Dabei besann sich Sailer auf die Bibel, förderte das Bibelstudium und die Frömmigkeit der Herzen. Sailer kämpfte nicht gegen seine Feinde, sondern vertraute auf Gott. Doch die Gegner erreichten, dass ihm das Predigen verboten wurde und er wäre beinahe aus dem Land verwiesen worden.
Doch der Kronprinz Ludwig von Bayern war bei Sailer in die Schule gegangen und war ihm wohlgesonnen. "Täglich, morgens und abends," sagte Prinz Ludwig, "erbaue ich mich in Sailers Gebetbuch." Als Ludwig König wurde, setzte er sich für Sailer ein. Sailer wurde dann im hohen Alter von 71 Jahren Jahren erst Weihbischof, dann Bischof von Regensburg und wirkte sehr segensreich. 1832 starb Bischof Johann Michael Sailer, seine letzten Worte waren: „Wie Gott will. Herr, hier bin ich!“ 40 Jahre nach seinem Tode sollte Sailer noch in Rom als Ketzer verurteilt und seine Schriften, die in 41 Bänden gesammelt waren, verdammt und verboten werden, doch das Verfahren wurde eingestellt und Papst Johannes Paul II. nannte Sailer in Anerkennung einen "Kirchenlehrer von ganz Europa"

Claudius und Sailer beide bescheiden und von Herzen authentisch glaubend. Das kommt zum Ausdruck im Gedicht von Claudius: "Täglich zu singen"
Ich danke Gott
Ich danke Gott und freue mich
Wie's Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe,

Daß ich die Sonne, Berg und Meer
Und Laub und Gras kann sehen
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen,

Und daß mir denn zu Mute ist,
Als wenn wir Kinder kamen
Und sahen, was der heilge Christ
Bescheret hatte, Amen!

Ich danke Gott mit Saitenspiel,
Daß ich kein König worden;
Ich wär geschmeichelt worden viel
Und wär vielleicht verdorben.

Auch bet ich ihn von Herzen an,
Daß ich auf dieser Erde
Nicht bin ein großer reicher Mann
Und auch wohl keiner werde.

Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht,
Hat mancherlei Gefahren,
Und vielen hat's das Herz verdreht,
Die weiland wacker waren.

Und all das Geld und all das Gut
Gewährt zwar viele Sachen;
Gesundheit, Schlaf und guten Mut
Kann's aber doch nicht machen.

Und die sind doch, bei Ja und Nein!
Ein rechter Lohn und Segen!
Drum will ich mich nicht groß kastei'n
Des vielen Geldes wegen.

Gott gebe mir nur jeden Tag,
So viel ich darf, zum Leben.
Er gibt's dem Sperling auf dem Dach;
Wie sollt er's mir nicht geben!
(Matthias Claudius)

Kurzbiographie Claudius
Matthias Claudius ist ein weithin bekannter Dichter, Liederdichter, und Zeitungsschreiber. Er ist ein Zeitgenosse von Goethe und Schiller, doch die beiden kamen mit Claudius überhaupt nicht zurecht. Claudius hat sich über Goethes Liebestragödie "Die Leiden des jungen Werthers" lustig gemacht und war stärker bodenständig. Schiller will sein Werk als naive Dichtung abtun.
Geboren wurde Matthias Claudius 1740 bei Lübeck in einem kleinen ländlichen Ort, in einem Pfarrhaus mitten in schönster Natur. Er studierte Theologie und Rechtswissenschaft, fand aber keinen Gefallen an der Rechthaberei und Enge dieses Denkens. Claudius war bewußt evangelisch und zwar traditionell. Die Reduzierung des Glaubens im Zeitalter des Rationalismus auf alles, was mit der Vernunft vereinbar ist, fand er nicht richtig und hat mitgewirkt, diese Engführung zu überwinden. Claudius ist unbestritten originell, witzig und tiefgründiger, als es scheinen mag. Er will nicht modern sein, dafür bleibt er aktuell. Wenn der Kaiser keine Kleider anhat, sieht es Claudius und sagt es. Hohle Phraen findet er zum Lachen. Er findet, dass es keinen Unterschied macht, ob jemand auf seinen Schnurrbart oder auf seine Metaphysik eingebildet ist und ein Narr ist. Einige Lieder von Matthias Claudius sind weltweit anerkannte Volkslieder geworden, etwa: "Der Mond ist aufgegangen". Matthias Claudius hat seine Platz im deutschen geistesleben immer behalten. Wenigen ist bewußt, dass dieses Lied auch im Gesangbuch steht, im evangelischen wie im katholischen. Es ist ein ökumenisches Lied geworden. Erstaunlich, dass ein konservativer lutherischer Christ vor über 200 Jahren von Herzen ökumenisch eingestellt war. Ökumenische Gesinnung ist nicht erst eine Errungenschaft unserer Zeit. Menschen, die tief und aufrichtig gläubig sind, haben schon immer die Geschwister in den anderen Konfessionen und Kirchen gesucht und waren auch darüber hinaus tolerant und aufgeschlossen. Vor 200 Jahren starb Matthias Claudius. Er passt in keine Kategorie. Er mag das Vaterland, will keinen Krieg, ordnet sich der Obrgkeit unter, sympathisiert mit Revolutionären. Doch alles ist verwurzelt in die Bibel und im Glauben. So ist ihm auch der Tod und die Vergänglichkeit kein schlimmes Thema, er fürchtet den Tod nicht, denn er weiß: "Der Mensch verliert im Tode nur, was er nicht hatte." Entscheidend ist ihm, dass wir in Gott auf ewig geborgen sind.

Lesung aus 1. Thessalonicher 5  (Ökumene wird selbstverständlich, wenn Paulus ernstgenommen wird, Claudius und Sailer waren in der Bibel zuhause)
13b Haltet Frieden untereinander!
14 Weiter bitten wir euch, Geschwister: Weist die zurecht, die ein ungeordnetes Leben führen7! Ermutigt die, denen es an Selbstvertrauen fehlt! Helft den Schwachen! Habt mit allen Geduld!
15 Achtet darauf, dass keiner Böses mit Bösem vergilt. Bemüht euch vielmehr mit allen Kräften und bei jeder Gelegenheit, einander und auch allen anderen Menschen Gutes zu tun.
16 Freut euch, was auch immer geschieht!
17 Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen!
18 Dankt Gott in jeder Lage! Das ist es, was er von euch will und was er euch durch Jesus Christus möglich gemacht hat.
19 Legt dem Wirken des Heiligen Geistes nichts in den Weg!
20 Geht nicht geringschätzig über prophetische Aussagen hinweg,
21 sondern prüft alles. Was gut ist, das nehmt an.
22 Aber was böse ist, darauf lasst euch nicht ein, in welcher Gestalt auch immer es an euch herantritt.
23 Gott selbst, der Gott des Friedens, helfe euch, ein durch und durch geheiligtes Leben zu führen. Er bewahre euer ganzes ´Wesen` – Geist, Seele und Leib –, damit, wenn Jesus Christus, unser Herr, wiederkommt, nichts an euch ist, was Tadel verdient.
24 Der, der euch beruft, ist treu; er wird euch ans Ziel bringen.

Claudius und Sailer sind verwurzelt in ihren Kirchen und Traditionen, doch nicht engstirnig und halten Freundschaft zu den Geistesverwandten in den anderen christlichen Kirchen. Die lebendigen Glaubenden in der kath. und evang. Kirche tauschen sich aus und das Schöne: Die Evangelischen sagen den Katholischen, welchen Schatz sie mit Sailer haben und die Katholischen schätzen Claudius. Jeder freut sich über die Schätze des anderen und ist nicht neidisch, sondern nutzt sie. Bischof Sailer sammelt Lieder für die katholische Kirche und nimmt ein Lied des evangelischen dichters Christian Fürchtegott Gellert auf. "So jemand spricht ich liebe Gott, und haßt doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb und will, dass ich, den Nächsten liebe gleich als mich. / Wir haben einen Gott und Herrn, sind eines Leibes Glieder, drum diene ich dem Nächsten gern, denn wir sind alle Brüder. Gott schuf die Welt nicht bloß für mich, mein Nächster ist sein Kind wie ich."
Dieses evangelische Lied hat Sailer also ökumenisch verstanden, heutige katholische Sailerverehrer schreiben es sogar Sailer selbst zu. Das Lied hätte es auch verdient, ein ökumenisches Lied zu werden.
Sailer und Claudius öffnen die Hochachtung und Toleranz die Christen selbstverständlich füreinander haben sollen auch für die Offenheit und Toleranz zu allen Menschen, Sailer dichtet:
Der Menschenfreund
Groß ist mir des Menschen Bild,
dessen Seele sanft und mild,
bei des Bruders Freud' und Leid'
sich harmonisch härmt und freut.
Der, wenn Zwist und Irrungen
zu der Menschheit Weh' entfleh'n,
mitten steht und offen spricht:
"Hasse deinen Bruder nicht:
Mag's Türk' oder Heide sein,
er ist ein Mensch, und über ihn
lässt Gott täglich Sonnenschein
hin von Ost bis Westen zieh'n;
lässt ihm blühen Reb' und Au,
tränkt sein Feld mit Segenstau;
tut ihm alles Gutes - nun
solltest du ihm Böses tun?"
(Sailer)

Claudius hielt einen langen verständnisvollen Vortrag über eine japanische Religion und sagt zum Schluß:
Ich kann mir nicht helfen. Ein Mensch, dem es im Ernst um Glückseligkeit zu tun ist und der im frommen einfältigen Glauben alles das, wonach andre sich die Beine ablaufen, kaltblütig oder mit verbissenen Zähnen übt, 'n solcher Mensch, wo ich ihn auch treffe, ist für mich sehr rührend, und ich kann nicht wieder weg. Gott höre jeden, der auf dem Fusi klingelt, und der vor der Gittertür zu Jisje seine Stirn auf die Erde legt! Und das tut auch Gott, glaub ich, denn ist er nicht auch der Japaneser Gott? Freilich ist er auch der Japaneser Gott.
Zu anderer Gelegenheit lässt er seine literarische Gestalt über einem gestorbenen Asiaten zu einem asiatischen Herrscher sagen:
Er war 'n Mensch, lieber Kaiser; Alle Japaneser sind seine Brüder, und alle Siamer, und Chineser, und Malaien, und Moguln, und wir Europäer auch. .. Er ist nun tot, und wenn er tugendhaft und fromm gewesen ist, hat er's besser nun als wir. Wir müssen aber alle sterben. ... Ja, Du lieber Kaiser, alle Menschen sind Brüder. Gott hat sie alle gemacht, einen wie den andern, und gab ihnen diese Welt, daß sie sich darin wie Brüder miteinander freuen und liebhaben, und glücklich sein sollten. Sie konnten sich aber nicht vertragen und taten sich untereinander allerhand Unrecht und Herzeleid an; da wählte Gott die besten, die edelsten unter ihnen aus, die demütig, weise, gerecht, reines Herzens, gütig, sanftmütig und barmherzig waren, und verordnete sie, bei den übrigen Vaterstelle zu vertreten. Und das sind die Fürsten, Kaiser und Könige. ... Ich habe noch eins auf dem Herzen, ... wenn Du irgend umhin kannst, lieber guter Fürst, so führe nicht Krieg. Menschenblut schreiet zu Gott, und ein Eroberer hat keine Ruhe.

Woher kommt eigentlich der Kampf der Menschen gegeneinander, die Herrschsucht, die Feindschaft, der Haß? Claudius und Sailer sehen die Ursache in der Überheblichkeit und im fehlenden Glauben an Gott. Der wahre Christ aber lässt sich genügen, ist zufrieden und strebt nicht nach immer mehr. Bei Gott ist das Kleine groß.
Dazu hat Claudius die Geschichte von Goliath und David, in Reime gebracht:

War einst ein Riese Goliath
Gar ein gefährlich Mann!
Er hatte Tressen auf dem Hut
Mit einem Klunker dran,
Und einen Rock von Golde schwer
wer zählt die Dinge alle her.

Auf seinen Schnurrbart sah man nur
Mit Schrecken und mit Graus,
Und dabei sah er von Natur
so wie der Satan aus.
Sein Schwert, das war, man glaubt es kaum,
So groß fast wie ein Weberbaum.

Er hatte Knochen wie ein Gaul,
Und eine freche Stirn,
Und ein entsetzlich großes Maul,
Und nur ein kleines Hirn;
Gab jedem einen Rippenstoß,
Und flunkerte und prahlte groß.

So kam er alle Tage her,
Und sprach Israel Hohn.
»Wer ist der Mann? Wer wagt's mit mir?
Seis Vater oder Sohn,
Er komme her der Lumpenhund,
Ich box 'n nieder auf den Grund.«

Da kam in seinem Schäferrock
Ein Jüngling zart und fein;
Er hatte nichts als seinen Stock,
Als Schleuder und den Stein,
Und sprach: »Du hast viel Stolz und Wehr,
Ich komm im Namen Gottes her.«

Und damit schleudert' er auf ihn,
Und traf die Stirne gar;
Da fiel der große Esel hin
So lang und dick er war.
Und David haut' in guter Ruh
Ihm nun den Kopf noch ab dazu.

Trau nicht auf deinen Tressenhut,
Noch auf den Klunker dran!
Ein großes Maul es auch nicht tut:
Das lern vom langen Mann;
Und von dem kleinen lerne wohl:
Wie man mit Ehren fechten soll.
(Matthias Claudius)

Claudius und Sailer waren keine Revolutionäre. Sie waren treu zur Regierung und ordneten sich dem König unter, dem sie auch das Recht zugestanden, das Land militärisch zu verteidigen. Doch sie empfanden den Krieg als etwas Schreckliches und wollten jedes Blutvergießen verhindern. Claudius sagt deutlich:
Cränz einen Welterobrer nicht,
Schlepp lieber ihn zum Hochgericht (Claudius)
Eindrücklich ist sein Kriegslied, das ein Antikriegslied ist:

's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
's ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!
(Matthias Claudius)

Und Sailer beschreibt den Schrecken des Krieges 1778:
Der Krieg 1778

Die Ruhe flieht, und Mars erwacht,
und bricht mit aller Kriegesmacht,
wie düsteres Gewölk, auf uns herein;
der Landmann und der Bürger bebt,
weil ihm, was kommende Gewitter dräu'n,
schon alles jetzt vor Augen schwebt.

Schon sieht er Menschenheer', als wär' es Vieh,
zum Schlachten hingeführt, wenn sie
mit Bomben, Stücken, Streitgewehr
und anderm Todeswerkzeug mehr
wild rasend sich entgegen geh'n;
indes die Mutter und die Braut
von Schmerz gegrämt und weinend laut,
zum Himmel um des Kriegers Leben fleh'n.

Er sieht Verheerung, wo das Feu'r
des Krieges hinfrisst, sieht des Lasters Ungeheu'r,
das in der tiefsten Hölle sonst bewacht,
und stark gefesselt lag, auf einmal losgemacht,
nun mit unsel'gem Flug' von einem Reich
sich hin in's and're schwingt,
und Seuche-schwangern Lüften gleich,
mit sich Tod und Verderben bringt.
(Sailer)

Immer bleibt den Menschen die gute Schöpfung Gottes. Gott hat in die Schöpfung so viel Schönheit und so viel Gutes hineingelegt. Und der Glaubende erkennt die Güte und Größe Gottes. Auch das verbindet Sailer und Claudius. Sailer dichtet:

Dich, Gott, verkündet die Natur.
Was lebt und schwebt, trägt deine Spur.
"Wir haben uns nicht selbst gemacht!"
Das ruft des Himmels stille Pracht;
das ruft das ganze Erdenrund;
das tun der Tag, die Nacht uns kund.
Die Blumen, schön geschmückt wie Salomo,
der Vögelchor, bei seinem Liede froh,
das Pferd, der treue Hund, das Wollenlamm
und alle Tiere, klein, groß, wild und zahm,
der Wein mit seiner edlen Kraft,
das Obst mit dem Gesundheitssaft,
das reife Korn, der Erde Segen,
das Licht, dem alles Auge harrt,
der Lebensluft Allgegenwart,
Blitz, Donner, Reife, Schnee und Regen,
Mond, Sonne und der Sterne Heer,
die Flüsse, Brunnen, Quell und Meer,
der Berg, das Tal, der Wald, das Feld,
und alle Welt, und alle Welt,
selbst auch mein Leib, erbaut, o Gott!, von dir,
und jedes Glied und Sinn und Nerv an mir,
Haupt, Aug und Ohr, und Mund und Hand,
die ich zu Dir erhebe,
die Haut so künstlich ausgespannt,
der Adern sein Gewebe,
verkündet Deinen Ruhm und Deine Güte,
und hebt zu Dir das staunende Gemüte.
"O Menschen, brauchet uns zu Gottes Ehre!
Erkennt und liebt und ehrt und preiset Ihn
mit frohem Wandel und mit reinem Sinn -
das ist sein Will' und seiner Schöpfung Lehre!"
Staude: und Claudius:
Er sendet Tau und Regen
und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behände
in unser Feld und Brot:
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.

Er lässt die Sonn aufgehen,
er stellt des Mondes Lauf;
er lässt die Winde wehen
und tut den Himmel auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
er macht uns frisch und rot,
er gibt den Kühen Weide
und unsern Kindern Brot.
Alle gute Gabe
kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt,
drum dankt ihm, dankt
und hofft auf ihn!

Wir beten mit Bischof Sailer aus seiner Liedersammlung:

Erster Vater aller Väter!
Gott, Erhörer treuer Beter!
Lass für and’re meine Bitten
aus in Deinen Schoß mich schütten!

Ach! Erweck’ in meinem Herzen
Mitleid mit der Brüder Schmerzen!
Herr, belebe meine Triebe
zum Gebet der Menschenliebe!
Schaust Du nicht auf alle Brüder
väterlich und segnend nieder?
Sind nicht alle, keiner minder,
alle Menschen Deine Kinder?

Möchten alle Dich erkennen!
kindlichfroh Dich Vater nennen!
Alle Dein Wort gläubig hören!
Alle Dich durch Jesum ehren!

Zeige Dich, Du Gott der Götter,
als der Frommen Schutz und Retter.
In der Not und in Gefahren
eile, Dich zu offenbaren!

Tröste die, die trostlos weinen.
Stärk’ die Schwachen, hilf den Deinen,
aller Reichen, aller Armen,
Vater, wollst Du Dich erbarmen!

Gib den Leidenden und Kranken
Linderung und Trostgedanken!
Unterstütze die, die fallen!
Leite Kinder, die noch lallen!

Weisheit, Treue gib dem Lehrer!
Wahrheitsliebe jedem Hörer!
Schenke, bester Vater, beiden
Deines Geistes süße Freuden!

Ach, dass ich’s vergelten könnte
jedem, der mir Gutes gönnte!
Sei durch Dich gesegnet jeder
meiner Freunde, meiner Brüder!

Sei der Freund von meinen Freunden!
Schenk’ Erbarmen meinen Feinden!
Komm mit Deinem Vatersegen
allen Sterblichen entgegen!

Lass sich alle Deiner freuen!
Alle, Vater, Dir sich weihen!
Möchten alle fromm auf Erden
und im Himmel selig werden!
Amen.

Sailer hat das Vaterunser für Kinder erklärt:
Vater aller Menschen! Unsere Freude an dir und unser Vertrauen zu dir muss immer größer werden. Nicht nur herrlich bist du, sondern auch gütig und väterlich gesinnt gegen uns Kinder. Nicht nur väterlich gesinnt bist du gegen einen oder den anderen Menschen, sondern gegen alle Menschen ohne Ausnahme. … Dass wir zu dir sagen dürfen Unser Vater, aller Menschen Vater, das verwandelt unsere Freude in Seligkeit, unser Vertrauen in Zuversicht. … So wird wohl auch die ganze große Erde als ein Haus anzusehen sein, darin alle Menschen als Brüder und Schwestern, als Kinder eines Hauses, als Söhne und Töchter eines Vaters beisammen wohnen … denn du hast sie alle geschaffen. ... Du sorgst für alle und willst sie alle gut und selig haben, … Wenn du nun aber ein Gott der Großen und der Kleinen, ein Gott der Reichen und der Armen, ein Vater aller Menschen bist, so werden wir wohltun, wenn wir alle Menschen als Kinder eines Vaters lieb haben. … Kommt ein bedürftiger Jude … so wollen wir ihm geben, was wir geben können. … Und wenn wir nicht allen Elenden helfen können, so wollen wir wenigstens für alle fürbitten, wollen sagen: Lieber Vater im Himmel, sieh deine Kinder leiden Not.“ (Sailer)

Der Mond ist aufgegangen

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste,
Und suchen viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!
Matthias Claudius

Segensvorspruch
(Matthias Claudius, Motet)
Der Mensch lebet und bestehet
Nur eine kleine Zeit;
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur einer ewig und an allen Enden,
Und wir in seinen Händen

Gott segne jeden Ehrenmann
Und straf die Schmeichler! Amen!
Matthias Claudius (1740-1815), Lied n. d. Frieden

Bleibe bei uns, Herr,
denn es will Abend werden
und der Tag hat sich geneiget.
Bleibe bei uns
und bei deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns
am Abend des Tages,
am Abend des Lebens,
am Abend der Welt.
Bleibe bei uns
mit deiner Gnade und Güte,
mit deinem heiligen Wort und Sakrament,
mit deinem Trost und Segen.
So segne uns der Allmachtige und Barmherzige Gott, der (+) Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

Für Danach:
Auf und trinkt! Brüder trinkt!
Denn für gute Leute
Ist der gute Wein,
Und wir wollen heute
Frisch und fröhlich sein.
Auf und trinkt! Brüder trinkt! ::
Stoßet an, und sprecht daneben:
»Alle Kranken sollen leben!«

Herrlich ist's hier und schön!
Doch des Lebens Schöne
Ist mit Not vereint,
Es wird manche Träne
Unterm Mond geweint.
Herrlich ist's hier und schön! ::
»Allen Traurigen und Müden,
Gott geb ihnen Freud und Frieden!«

Auf und trinkt, Brüder trinkt!
Jeder Bruder lebe,
Sei ein guter Mann!
Fördre, tröste, gebe,
Helfe wo er kann.
Auf und trinkt! Brüder trinkt! ::
Armer Mann, bang und beklommen!
Ruf uns nur, wir wollen kommen.

Seht, denn seht! Brüder seht!
Gott gibt uns ja gerne,
Ohne Maß und Ziel,
Sonne, Mond und Sterne,
Und was sonst noch viel.
Seht, denn seht! Brüder seht!
Armer Mann, bang und beklommen!
Sollten wir denn auch nicht kommen?

Armer Mann, armer Mann!
Bange und beklommen!
Wollen's gerne tun
Wollen gerne kommen,
Ruf uns nur. Und nun
Auf und trinkt! Brüder trinkt.
Matthias Claudius