Palmsonntag 2012

Gehalten von Pfarrer Manfred Staude am 1. April 2012

Liebe Geschwister in unserem Herrn Jesus Christus!
Der Knecht Gottes im Leiden (Jesaja 50,4-9)
4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Wir hörten heute im Evangelium von einem freundlichen Jesus. Er ist der Friedenskönig. Er reitet auf einem Esel und trägt keine Waffen. Der Esel wird rechts und links vom Weg gehalten haben, wo die fettesten Kräuter wuchsen. Es wird ein wenig lustig gewesen sein, so ein Eselsritt, nichts für eine Kanzlerin oder einen Präsidenten. Aber passend für Jesus, nämlich menschlich. Wir sehen die Szene auf dem Palmsonntagsbild. Da kommt Jesus auch nach München und hofft auf glaubenden Empfang. Kinder jubeln Jesus zu. Sie wissen, wer Jesus ist. Hosianna. Der König Israels. Sie schreien das laut hinaus. Den Offiziellen war das ein wenig zu viel. Das ist ja eine quasi göttliche Ehre – was bildet sich dieser Jesus nur ein! Sie sagen es ihm aber nicht direkt, sondern schimpfen die Kinder. Jesus verteidigt gleich die Kinder, sie wissen, wer Jesus ist und sie müssen schreien dürfen, denn sie freuen sich doch und so soll es sein.
Wie passt nun zu diesem freundlichen Friedenskönig ein solcher Stein? (Grossen Kieselstein zeigen)
Der Stein ist hart. Wehe wenn ihn einer an den Kopf bekommt. Da werde ich wild, wenn jemand mit Steinen werfen will. Der Stein hat kein Gesicht, auch wenn manchmal gerne drauf gemalt wird und das dann sehr nett aussieht. Der Stein selbst verzieht keine Miene. Schaut weder freundlich noch gequält. Er ist nur einfach hart und nichts macht ihn kaputt.
Dieser Stein passt erstaunlicherweise zu Jesus. Das sagt uns der heutige Predigtabschnitt aus der Heiligen Schrift beim Propheten Jesaja im 50. Kap.
Darin heißt es: „Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.“ Gleich zweimal beteuert hier der Sprechende, dass er nicht zuschanden wird. Also muss er sehr bedroht sein. Und Jesus war sehr bedroht, als er nach Jerusalem kam. Noch ahnte keiner, dass es keine Woche mehr dauern wird bis zu seinem schrecklichen Tod, als er hingerichtet wird am Marterinstument, dem Kreuz. Doch Jesus ahnt, was ihm droht. Er hat bemerkt, wie die priesterlichen Spitzel immer um ihn waren und alle seine mutigen Worte weitergetragen haben zu den Richtern in Jerusalem. Jesus hat in ihr Herz gesehen und eine Räuberhöhle zeigt sich ihm, wie sie ihn hassen und nur auf die Gelegenheit warten, ihn endlich auszulöschen. Und trotz dieser Gefahr kommt Jesus nun unbewaffnet und wehrlos in die Höhle des Löwen, nach Jerusalem, zum Tempel, wo die ganze Priesterei und die Offiziellen der jüdischen Religion residieren.
Da wird Jesus nicht anders durchkommen können, als mit einem Gesicht wie ein Kiesstein. Er wird leiden, er wird sterben, er wird den Spott aushalten, der noch mehr schmerzt als alle Schläge, die er empfangen wird.
Davon steht in unserem Predigtabschnitt. „6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“
Hier beim Propheten Jesaja, lange bevor Jesus auf die Welt gekommen ist, löst sich etwas vom Rätsel, wer denn Jesus ist. Weil ehrlich, Jesu ist schon eine sehr ungewöhnliche Person. Jesus nimmt für sich in Anspruch, an Gottes Stelle zu handeln. ER hebt Gottes Gebote auf, "Ihr dürft am Feiertag arbeiten, wenn es zum Guten dient." Er verschärft andere Gebote Gottes, als wäre er Gott selber: "Es gibt keinen Scheidebrief als Entschuldigung für den Mann, der seine Frau loswerden will, auch wenn Mose so was zugelassen hat." Jesus macht die Gestze für die Menschen, besonders die im Nachteil sind. ER vergibt Sünden, er spricht über die Unbarmherzigen sein göttliches Wehe. Er heilt Kranke, weckt Tote auf. Da ist Gott auf die Erde gekommen und interessiert sich für uns Menschen. Und dann geht dieser Menschensohn einen Weg, bei dem einen nur das Grausen kommen kann. Er liefert sich selbst ans Messer. Er muss gewusst haben, dass er mit seinem Anspruch und mit seiner Friedfertigkeit die Todesstrafe geradezu herausfordert. Und dann sagt er noch dazu: "Das muss so sein. Es kann nicht sein, dass ein Prophet woanders ums Leben kommt als in Jerusalem."
Das Leiden von Jesus ist kein Betriebsunfall im göttlichen Plan für die Menschen. Es ist kein Ausrutscher. Es ist auch nicht peinlich, dass wir einen Retter haben, der so ein jämmerliches Bild des Leidens bieten wird.
Jesus hat bewußt und freiwillig diesen Weg gehen wollen, der jeder Logik widerspricht.
Jesus setzt alle ins Unrecht. Die Hüter des Rechtes, die meinen, sie machen alles richtig. Sie haben Jesus zum Tode verurteilt und waren sicher, sie sind im Recht und handeln im Namen Gottes. Von wegen! Und die gegen das Recht verstoßen haben, die Schlawiner und die kleinen und großen Lumpen. Die sind nicht mehr verurteilt, sondern angenommen, dürfen neu anfangen, sind auch von Gott geliebt. Die Rechtlosen, die gar keine Rechte zu haben scheinen, die Kinder, die Frauen, die ausgeschlossen sind, die dürfen auf einmal dabei sein und bekommen Rechte, die ihnen niemand gewährt hat. Paulus hat es ähnlich gesagt: Gott hat das, was Recht ist ins Absurde geführt, damit sich niemand mehr rühmen kann vor Gott. Und es soll sich auch niemand mehr schlecht fühlen vor Gott. Alle sind würdig geworden vor Gott, wenn sie im Glauben annehmen, was durch Jesus mit dem Recht passiert ist.
Und deshalb dürfen auch wir mit dem Propheten Jesaja und mit Jesus voll Vertrauen sprechen:
8 Gott ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.“
Wenn die Motten in den Kleidern sitzen und Löcher fressen, dann ist nichts mehr zu machen, die Kleider können wir nur noch wegwerfen. Ein Alptraum.
Hier aber ist es ein tröstliches Bild. Die schwache Motte frisst alles an, was uns anklagt und das Leben versauert und was uns selbst das Leben so schwer macht und quält.
Ich denke an die Frau, die schon mehrere Kinder hat und sich bei der letzten Schwangerschaft schon den Schein für die abtreibung hat geben lassen und es dann doch nicht übers Herz brachte. Glücklich hat sie jetzt das Kind und es strahlt. Wir unterstützen diese Familie. Ich denke an die Menschen in diktatorischen östlichen Ländern, die bis ins Schlafzimmer überwacht werden und unschuldig an den Pranger gestellt werden. Es ist nicht mehr so, dass nichts fürchten muss, wer nichts verbrochen hat. Im Gegenteil, es muss sich fürchten, wer nichts verbrochen hat. Das passt den Starken nicht, wenn ihr Verhalten durch die Ehrlichkeit kritisiert wird.
Deshalb hat Jesus gelitten. Hier leidet er aktiv, zeigt ihnen seine Widerstandskraft. Er behält wie der Stein seinen Stolz, seine Würde. Seht, welch ein Mensch! Musste sogar Pilatus voller Respekt sagen. Jesus lässt sich nicht demütigen. Er lässt die Gemeinheiten nicht in sein Inneres dringen, verinnerlicht nicht, was ihm angetan wird. Es ist schwer aber möglich, was mich kränken soll, nehme ich nicht persönlich, lasse es an mir abprallen. Die Gemeinheiten sagen mehr über den anderen als über mich. Mit Jesus brauchen wir uns nicht in die Opferrolle fügen. Und solche Kraft kommt aus dem Wort Gottes. Jesus hat wie niemand anders aus dem Wort Gottes gelebt. Das Wort Gottes ist sein Speise. So ist er selbst das Brot des Lebens für uns geworden. Wer auf gott hört, der kann auch trösten und aufrichten. Was für die Propheten gilt und von Jesus gilt, dass gilt auch für uns:
"4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören."
Das schenke uns Gott und er mache uns stark und besonders dann, wenn es aussichtslos scheint. Ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
AMEN.