Nachruf Pfarrerin Marianne Pflüger (24.03.1929-29.05.2020) - von Prof. Dr. Christiane Zimmermann

Bereits 1929, im Geburtsjahr Marianne Pflügers, machten die ersten Theologinnen in Bayern Examen. Ausgebildet wie ihre männlichen Kollegen, blieb den weiblichen Absolventinnen des Studiums der Evangelischen Theologie jedoch der Weg ins Pfarramt noch bis in die 70ger Jahre des letzten Jahrhunderts verschlossen. Marianne Pflüger war 1976 gemeinsam mit zwei weiteren Vikarinnen unter den ersten Frauen, die die bayerische Landeskirche ordinierte – und sie war seit 1977 die erste bayerische Pfarrerin: Die Nikodemus-Gemeinde im Münchener Norden hatte sich entschieden, Marianne Pflüger zu ihrer neuen Pfarrerin zu wählen.

 

Nachdem Marianne Pflüger vor dem Hintergrund der Kriegserfahrungen in Kindheit und Jugend ihren ganz persönlichen Glaubensweg in der Silvesternacht 1945 gefunden und mehr und mehr Interesse dafür entwickelt hatte, „was in der Bibel steht“, nahm sie 1949 das Theologiestudium in Erlangen auf und wurde 1953 nach ihrem ersten theologischen Examen als Dekanatsjugendleiterin bei der Evangelischen Jugend in München angestellt. Seit 1960 arbeitete sie dann als Religionslehrerin, die es als ihre Aufgabe sah, Religion mit wirklichem Alltagsbezug zu vermitteln. Weitere zehn ausgesprochen prägende Berufsjahre verbrachte Marianne Pflüger im Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal. Während dieser Zeit erlebte sie tief beeindruckt, wie Josefstal zum Versöhnungszentrum der Evangelischen Kirche in Bayern wurde und direkte Kontakte mit den früheren Kriegsfeinden Versöhnung erlebbar machten.

 

Marianne Pflüger hat diese Tätigkeiten vor ihrer Ordination nie nur als „Nebenwege“ oder „Auswege“, sondern als sinnvollen Teil ihres ganz eigenen Weges betrachtet. Mit großer Erfüllung berichtete sie immer wieder von ihren Erfahrungen mit vielen jungen Menschen, die noch auf der Suche waren, die sich entwickelten, mit denen man diskutieren konnte; Jugendarbeit lag ihr Zeit ihres Lebens besonders am Herzen, aber auch die Arbeit mit geistig behinderten Kindern und deren Familien war ihr ein wichtiges Anliegen.

 

Nichtsdestotrotz war sie überglücklich, als sich für sie in der Nikodemuskirche im Jahr 1977 doch noch die Tür ins Pfarramt auftat. Natürlich wurde sie nicht von allen Gemeindegliedern mit gleichermaßen offenem Herzen aufgenommen, aber sie erkämpfte sich Respekt, Ansehen und Zuneigung mit der ihr eigenen freundlichen Beharrlichkeit. Dass Marianne Pflüger 1976 ordiniert wurde, war das Ergebnis des beharrlichen Einsatzes einiger Theologinnen, die aus guten Gründen nicht nachvollziehen konnten, warum Frauen der Weg ins Pfarramt nach wie vor verschlossen blieb. Als Sprecherin des Theologinnenkonvents hatte Marianne Pflüger selbst auf der Landessynode im Jahr 1974 eine Erklärung zur „Gleichbegnadung von Mann und Frau“ abgegeben, wobei sie sich auf das Wort des Propheten Joel berief: Gott gießt seinen Geist über alles Fleisch aus, eure Söhne und Töchter sollen weissagen (Joel 3,1). Damit verdeutlichte sie den Verkündigungsanspruch beider Geschlechter aus den alttestamentlichen Schriften. Im folgenden Jahr beschloss die Synode dann, dass auch Frauen das Pfarramt offen stehen sollte. Man konnte sich der in anderen Landeskirchen schon fast überall praktizierten Frauenordination nun nicht mehr verschließen. Mit dem Antritt des Pfarramts in der Nikodemuskirche im Jahr 1977 hat Marianne Pflüger bayerische Kirchengeschichte geschrieben.

 

Neben der Jugendarbeit in der Gemeinde und Projekten in der Ökumene sah Marianne Pflüger sehr früh die Bedeutung von Kirche für das Stadtviertel und brachte das Gemeindeleben mit jährlichen Straßenfesten zu neuer Blüte. Eines der wichtigsten Erlebnisse ihrer Zeit im Pfarramt war die Gründung einer Partnerschaft der Nikodemus-Gemeinde mit der lutherischen Kirche in San Salvador, die bis heute gepflegt wird. Marianne Pflüger berichtete mit großer Intensität und leuchtenden Augen von den Einblicken, die sie aus den Gesprächen bekam, und man konnte die Verbundenheit mit dieser lateinamerikanischen Gemeinde immer wieder und bis ins hohe Alter spüren. Eine weitere wichtige Aufgabe war ihr die Ausbildung von Vikarinnen, die sich gezielt bei ihr bewarben und mit denen sie freundschaftlich bis ins hohe Alter verkehrte.

 

Das Nachdenken über Glaubens- und Lebensfragen, das Marianne Pflüger zum Studium brachte, hat sie bis ins hohe Alter nicht aufgegeben. Nie waren Gespräche mit ihr belanglos. Und in ihrer beharrlichen, offenen und zugleich humorvollen Art hat sie in vielerlei Leben hineingewirkt. Ihren Konfirmationsspruch aus Ps 16,11 (Du tust mit kund den Weg zum Leben, vor Dir ist Freude die Fülle und Wonne zu Deiner Rechten ewiglich) lebte sie mit überzeugender Tiefe und Ausstrahlung und zugleich mit großer Leichtigkeit.

 

Natürlich konnte Marianne Pflüger ihren Weg auch nach ihrer Verabschiedung aus der Nikodemusgemeinde nicht einfach beenden – sie war einem Ruf gefolgt, der weiter klang, und so hat sie auch im Ruhestand immer wieder Gottesdienste gehalten und andere kirchliche Aufgaben wahrgenommen, bis auch das nicht mehr ging. Im Jahr 2012 erhielt sie aus den Händen des bayerischen Kultusministers Spaenle das Bundesverdienstkreuz.

 

Mit großer Selbstverständlichkeit hat sie auch die letzten Monate ihres Lebens, in denen sie ihr Bett nicht mehr verlassen konnte, getragen, gut umsorgt von lieben Freunden und ihrer treuen Haushälterin Sophia. Und mit Ruhe und Gelassenheit hat sie dann schließlich auch ihre letzte Reise angetreten.

 

 
Prof. Dr. Christiane Zimmermann
Institut für Neues Testament und Judaistik
Theologische Fakultät
Christian-Albrechts-Universität Kiel