Letzter nach Epiph. 2013

Gehalten von Pfarrer Manfred Staude am 20. Januar 2012.

Johannes 12, 34-36
Das Volk antwortete Jesus: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?
35 Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.
36 Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen."

Liebe Geschwister in unserem Herrn Jesus Christus!
In letzter Zeit lese ich viele Kriegsberichte. Ich möchte verstehen, was damals geschehen ist und die Generationen vor uns erlebt und getan haben. In den Berichten ist die Rede von "dem Russen", "dem Amerikaner", "den Deutschen", "dem Polen". Diese Verallgemeinerung stört mich. Heute heißt es: "die Griechen", "die Politiker", "die Arbeitslosen", "die Ausländer" etc. Und sogar Johannes der Evangelist berichtet so. „Das Volk antwortete Jesus.“ Das ganze Volk, jede und jeder? Das stimmt natürlich nie. Das weiß der Evangelist wohl auch. Nicht alle tun das gleiche und sie reden auch nicht alle im Chor. Es sind Führer da und es gibt die schweigende Masse, die dabei ist und wo hoffentlich nicht jede und jeder billigt, was da geschieht und geredet wird.
Also das Volk, sagen wir besser "die Anführer" reden mit Jesus.
Sie haben Schwierigkeiten mit dem, was Jesus gesagt hat. Er hatte davon gesprochen: „Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, dann bringt es viel Frucht.“ Damit hat er seinen Tod angedeutet. Er wird sie verlassen. Doch sein Leiden wird eine Erhöhung und Verherrlichung sein.
Das entsprach aber nicht den Wunschträumen der Leute nach einem Retter und Messias, der bei ihnen bleibt und alles zum Guten wendet.

Deshalb wird sich zuletzt diese große Volksmasse von Jesus abwenden. Die Masse hat leider keine eigene Meinung. Sie geht den Weg des geringsten Widerstandes. Wasser das ausgeschüttet wir, es fließt dahin, wohin es die Schwerkraft zieht. Ist so. Leider.
"Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt." Sie haben wohl das Wort Gottes gehört, haben aber herausgehört, was sie sich selbst wünschen. Sie stellen sich den Heilsweg zu einfach vor. Gott kommt auf die Erde und jetzt wird alles von heute auf Morgen gut. Es sind keine Schwierigkeiten mehr zu bestehen, das Paradies ist auf Erden gekommen.
Wir wissen, dass es im Leben nicht einfach so leicht geht. Es gibt ein Auf und Ab, Schwierigkeiten, wieder Erfolge, neue Schwierigkeiten, Verzweiflungen, neue Siege. Es geht nicht immer nur bergauf. Freilich gibt es grundlegende Durchbrüche und Schlüsselerlebnisse.

Auch im Glauben ist es nicht viel anders. Wir erleben Wunder und wir erleben Zeiten, wo Gott zu schweigen scheint und wir ihn nicht verstehen. Gerade den Tod anzunehmen, ist sehr schwer. Es war auch für Jesus absolut schwer, in den Tod zu gehen. Freilich, wir haben Hoffnung über den Tod hinaus, wenn wir aber jetzt vor dem Tod eines vertrauten Menschen stehen ist der Schmerz groß. Und wenn es einen Menschen so plötzlich trifft, der uns so viel bedeutet, es lässt keinen unberührt. Der Tod ist der Feind des Lebens und nimmt weg. Wir lehnen uns zurecht gegen ihn auf.

Wir können das Volk schon verstehen, das sich wünscht, Christus möge bleiben, sie nicht allein lassen, alles zum Guten wenden.
Gerhard Schöne singt ein Kinderlied und spricht dabei typische Schwierigkeiten an: Eine Jugendliche: „Ich bin nicht so schön wie andere", / Ein Kind fürchtet: die Eltern wollen sich scheiden lassen.  Jemand hat Angst: Krieg droht, und im Refrain heißt es dann: "Jetzt müsste ein Märchenprinz kommen, und sagen, der Spuk ist vorbei, denn 'dich gibt es nur einmal auf Erden und ich mag dich so, wie du bist';" oder zu denen, die sich scheiden lassen wollen „ihr liebt euch wieder wie früher“, oder bei Kriegsgefahr: „Ich hab alle Waffen verzaubert, ihr Völker geht nun Hand in Hand.“
Dann stellt Schöne aber fest, der Märchenprinz kommt eigentlich gar nicht, wir müssen ihn vertreten und selber etwas tun. Und dann kommt tatsächlich der Märchenprinz, und der bist du selber. Auch das ist ein Wunder.

Wir haben keinen Erlöser, der einfach alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumt. Das war vielleicht bei Mose so: Alle Religionslehrer und besonders Frau Schurian erzählen davon und lassen es malen: Er hob den Stab und das Meer spaltete sich und die Israeliten gingen trocken hindurch. Die Ägypter ertranken im Wasser, das wiederkam, als Mose den Stab senkte – und wenn die Schüler einwendeten: "aber was war mit den unschuldigen Pferden", dann fügte Frau Schurian hinzu: „Die konnten schwimmen!“
Doch als Jesus verraten wurde und gefangengenommen und ans Kreuz geschlagen zum sterben, da geschah kein Wunder. Er musste durchs Schlimmste hindurch.Und das hat ihn groß gemacht und zum Sieger. Dann erst geschah das Wunder, die Auferstehung von den Toten. Bei Johannes heißt deshalb das Leiden und der Kreuzestod die „Erhöhung“. Er wurde hoch ans Kreuz gehängt zum Sterben und was geschah? Er ist wirklich größer als alle, stärker als alle und hat den Weg zum ewigen Leben geöffnet. Dafür ist ihm zu danken, deshalb hat der Tod für uns Schrecken verloren.
Diesen Heilsweg hat das Volk nicht erwartet, sie stellten es sich fast alle einfacher vor. Sie bleiben stecken in ihren kindlichen Träumen vom Märchenprinz.

Jesus aber sagt: Ihr könnt mich nicht festhalten. Ich bleibe nicht. Doch jetzt bin ich da. Jetzt bin ich ja da! Zerbrecht euch nicht den Kopf über die Zukunft, auf das Jetzt kommt es an. Jetzt bin ich bei euch. Ihr habt das Licht in mir. Nutzt die Gelegenheit jetzt.
Wie oft habe ich das erlebt: Menschen sind offen, sie denken nach, sie nehmen neue Möglichkeiten wahr. Sie fangen an, umzudenken. Jetzt ist die Gelegenheit, die Zeit der Gnade. Und wie schön ist es, wenn es geschieht, wenn ein Neues wird. Doch es gibt auch das Zögern, den Aufschub. Und es kann sein, schon morgen rutschen die Räder des Lebenskarrens wieder in die alten tiefgefurchten Spuren und nichts wird neu. Schade. Es gilt also, die Gunst des Augenblicks zu nutzen. Jeder Augenblick im Leben ist einmalig. Es kann sein, das sich die Chancen nicht so wiederholen. Darum gilt es, das Gute zu ergreifen. Jetzt. Wer weiß, was morgen ist.

Es ist wie mit dem Licht. Wie schön ist es am Tag, wenn die Sonne scheint und ihr Licht sogar noch in die hintersten Winkel dringt. Überall ist Licht. Ich kann ohne Brille lesen und gut sehen. Da sollte ich nicht versäumen, die Aufgaben zu erledigen, die das Licht brauchen. Letztes Jahr habe ich an meinem Weinstock geschnitten, der reiche Frucht angesetzt hatte. Die langen Blattriebe habe ich abgeschnitten, damit die Frucht viel Kraft bekommt und gut reif wird. Doch es war schon spät geworden und in der Dämmerung konnte ich die Triebe nicht mehr so gut unterscheiden. Und da habe ich dann die Triebe verwechselt und da lag dann die werdene Frucht abgeschnitten auf der Erde. Wie habe ich mich geärgert. Solche Arbeit muss im Licht geschehen. Und wenn es dann ganz finster ist, dann macht es keinen Sinn mehr draußen zu arbeiten. Ich kann nur aufs neue Licht warten. Gott sei Dank, es wird wieder Licht!

Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das wünscht sich Jesus so sehr, dass wir Kinder des Lichtes sind. Es ist ja nicht schwer. Alles haben wir durch den Glauben an Jesus. Er ist uns vorangegangen, er hat uns erleuchtet, er leuchtet unseren Weg aus. Er hat nicht tausend Vorschriften gegeben, sondern uns die Liebe ans Herz gelegt, die Liebe, die niemals aufgibt, die immer wieder hofft und die getragen ist von der Geduld Gottes, die grenzenlos ist. Selbst in den finstersten Zeiten sind den Armen und Elenden Menschen begegnet, die Kinder des Lichtes für sie gewesen sind. In den Zeiten des Hungers, auf der Flucht, da gab es Menschen, die geholfen und gegeben haben, mein Onkel als Kind bekam ein Leberwurst-Brot geschenkt, im eiskalten Winter 1945, eine Kostbarkeit, doch es war gefroren und musste erst mühsam aufgetaut werden. Das bleibt in Erinnerung, solche Taten der Liebe. Gäbe es doch mehr Kinder des Lichtes, die sich nicht beirren lassen, die festhalten an der Liebe, auch wenn sie enttäuscht worden sind. Ich denke noch daran, wie Frau Schurian erzählte, wie sie einem bittenden Nordafrikaner einen größeren Geldbetrag geliehen hat, der junge Mann hat hoch und heilig versprochen, es ihr wiederzubringen und es niemals getan. Natürlich hat sie sich nicht erbittern lassen und weiter Gutes getan. Die Liebe ist stark.

Wir leben in durchaus finster werdenden Zeiten. Und mit der wachsenden Not wird auch vieles härter und es wird aus Wut und Neid und Ausweglosigkeit zerstört und genommen und der Mensch muss sich auch mehr vor dem Menschen hüten. Das Gegenteil ist nötig! Je finsterer es wird, umso mehr sollen sich die Menschen zusammentun, ihr Licht vereinen zu mehr Licht, sich miteinander orientieren und Verbesserungen überlegen. Wir sind nicht ausgeliefert. Wir müssen nicht mit der Masse laufen.

Ich finde es interessant: Der Bibelabschnitt endet damit: „Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.“ Jesus hat die Untertöne in der Rede der Volkesführer gehört: „Wer ist überhaupt dieser Menschensohn?“ Es könnte eine echte Frage sein, ein Suchen. Doch es klingt gar nicht recht freundlich und offen. „Ja, wer ist er denn, was bildet er sich eigentlich ein? Er ist doch gar nicht der, als der er sich ausgibt! Er spricht nicht die Sprache, die wir hören wollen. Er soll sich hüten, uns zu enttäuschen!“ Sogar eine Drohung schwingt hier schon mit. Bald werden sie schreien: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Jesus sagt ihnen dennoch das Wort. Er gibt nie auf. Er wird noch am Kreuz von der Vergebung sprechen und die Täter entschuldigen. Aber er weiß auch, dass er selbst Kraft braucht und Ruhe. Er geht weg und versteckt sich. Wir brauchen die Ruhe, wir brauchen den Abstand vom Getöse und von der unaufhörlichen Infiltration von Werbung und Propaganda. Wir haben es nötig zu uns selbst zu kommen und uns auf Gott auszurichten. Ich glaube wir Christen sollten uns wieder mehr auf die Verborgenheit besinnen uns im Verborgenen gegenseitig ermutigen, Abstand gewinnen vom zerstreuenden Tagesgeschehen und in der Verborgenheit Klarheit gewinnen und Tiefe. Das tut gut. Als Kinder des Lichtes wollen wir die Flamme der Liebe hüten und sind dankbar für alles Licht, das wir entdecken und für jeden Menschen, der sich vom Licht leiten lässt und Licht ausstrahlt. So auch dankbar für alles Licht, das uns unsere liebe Gilla Schurian gegeben hat. AMEN.