Sonntag Kantate 2012

Gehalten von Pfarrer Manfred Staude, am 6. Mai 2012.

Apostelgeschichte 16, 23-34

23 Nachdem man Paulus und Silas hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen
34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.


Bei dieser Geschichte ist alles schön, obwohl sie furchtbar beginnt.

In der nordgriechischen Stadt Philippi fängt es an. Es ist die erste Stadt in Europa, in die der Apostel Paulus mit seinem Kollegen Silas den Fuß setzt. Dort in Griechenland hat es begonnen, dass Europa ein christlicher Kontinent geworden ist, dass es menschlicher wurde in unserem Erdteil.

Aber der Anfang ist nicht schön. Paulus und Silas werden brutal geschlagen und eingesperrt. Es geht dabei nicht etwa um eine Verfolgung, weil sie Christen sind. Es geht meistens zuerst ums Geschäft. Paulus hatte einen Geist aus einer Sklavin ausgetrieben. Dieser Geist konnte durch den Mund der Sklavin Zukünftiges vorhersagen. Damit lässt sich ja auch heute Geld machen. Es gibt genügend Anzeigen, wo versprochen wird, durch Tarot Karten und Kristalle und Hellseherei und Hokuspokus käme ans Licht, wer wen lieben wird und welche Handlung Erfolg haben wird und es gäbe Antwort auf viele Fragen. Mit Wahrsagerei lässt sich gutes Geld machen, selbst wenn die Voraussage gar nicht eintrifft.

Und da hatte sich Paulus eingemischt. Er hatte die Sklavin von diesen fremden Geist befreit. Sie war jetzt geistig ein freierer Mensch und musste nicht mehr einem fremden Geist zu Diensten sein. Der Geist von dem sie besessen war, konnte tatsächlich viel Verborgenes erkennen. Deshalb war die Sklavin auch hinter Paulus und Silas hergelaufen und hatte geschrien: „Diese sind Diener des wahren Gottes.“ Die Aussage stimmte zwar, doch es war höchst lästig und keine gute Werbung für den Glauben. Diese Geistmacht hat auf raffinierte Weise den Auftrag von Paulus und Silas gestört. Und da hat Paulus im Namen von Jesus dem Geist befohlen: „Hinaus aus dieser Frau!“So geschah es, und die Besitzer der Sklavin hatten eine Einnahmequelle verloren.

Und zur Rache müssen Paulus und Silas nun nach den Schlägen auch in das Gefängnis. Und jetzt zeigt sich, dass so vieles, was schlimm ist, doch gut sein kann. Selbst Schläge und Gefängnis können noch zu was gut sein. Ich denke manchmal, jetzt ist alles aus und Gott hat seine Pläne und lässt aus dem Übel lauter Gutes und Segen wachsen.

Da ist zunächst dieser Gefängnisaufseher. Er ist ein guter Aufseher und ein pflichtbewußter Beamter. Deutschland ist ja auch bekannt für seine unbestechlichen Beamten und gründlichen Verwalter. Das kann allerdings gefährlich werden, wenn sie bösen Herren dienen und willfährige Vollstrecker werden.

Dieser Aufseher nun macht seine Aufgabe gut. Er hat kein Mitleid mit den Gefangenen, er fängt gar nicht erst an, sich zu fragen, was die für Menschen sind und ob sie vielleicht unschuldig sein könnten. Dafür ist er ja auch nicht zuständig. Gehorsam versperrt er sie so tief und finster wie möglich, wie von ihm verlangt wurde. Wie Schwerverbrecher sind sie nun in Eisen und Holz festgeschraubt, können sich nicht mehr bewegen. Wie es mir da wohl gehen würde? Ob ich zum Singen und Loben aufgelegt wäre? Es gibt sicher erfreulichere Fügungen im Leben. Doch nun zeigt sich, wie gut es ist, wenn wir im Leben gute Gewohnheiten eingeübt haben. Es heißt im Sprichwort: „Not lehrt beten.“ Das meint, wenn es Menschen richtig übel ergeht, dann fangen die Leute irgendwann auch das Beten an. Da ist schon was dran, doch längst nicht alle werden beten. Umgekehrt ist es noch mehr wahr: „Wer beten gelernt hat, dem wird es nie ganz übel gehen.“ Paulus und Silas waren geübte Beter. Alles haben sie im Gebet mit Gott besprochen. Ihm das Herz ausgeschüttet. Und sie waren es gewohnt, in der christlichen Gemeinde mit den Schwestern und Brüdern im Gottesdienst zu beten und zu singen. Die meisten christlichen Lieder sind ja auch Gebete, besonders schöne Gebete. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Wunderbarer König, Herrscher von uns allen, lass dir unser Lob gefallen, deine Vatergüte hast du lassen fließen, ob wir schon dich oft verließen, hilf uns noch, stärk uns doch.“

Solche betenden Lieder haben Paulus und Silas um Mitternacht in ihrem finsteren Verlies angestimmt. Zuerst haben es die Ratten gehört und haben vielleicht Reißaus genommen. Dann haben andere Gefangene in ihrem schlechten Schlaf etwas Ungewohntes wahrgenommen und sind aufgewacht und die Schlaflosen haben es zuerst staunend gehört. Da fügt sich jemand nicht resignierend in sein Schicksal. Da ist Schönes und Fröhliches und Hoffnungsvolles zu hören. Diese Leute haben einen Draht nach oben. Und sie haben eine Kraft und Zuversicht, die wohl nicht allein aus ihnen kommt. Christenmenschen in Konzentrationslagern und Gefängnissen dieser Welt sind immer wieder Quellen des Trostes geworden für die anderen und haben manche sogar vor der Selbsttötung bewahrt. Auch bis hierher wäre das schon eine tröstliche Geschichte. Doch es geht noch weiter und wird immer unglaublicher.

Ein Erdbeben ereignet sich. Dieses Erdbeben muss Gott geschickt haben. Wenn Gott Grosses geschehen lässt, dann beschreibt die Bibel ein Erdbeben. An Ostern geschah ein grosses Erdbeben – als der Engel vom Himmel kam und den Stein vom Grab wegwälzte. Auch als Jesus am Kreuz starb, ist von einem Erdbeben die Rede. Die Welt braucht Erschütterungen. Sie muss auch inne werden, dass sie es mit einem Gott zu tun hat, der Himmel und Erde geschaffen hat und sie bewegt, und alles erschüttern kann, was Menschen in ihrem Wahn aufrichten. Am Karfreitag erschütterte das Erdbeben die scheinheilige Überzeugung, mit Jesus einen Verbrecher und Gotteslästerer hingerichtet zu haben. An Ostern erschütterte das Erdbeben die Sicherheit, dass mit dem Tod alles aus ist. Und jetzt erschüttert das Erdbeben die Grundfesten des Gefängnisses. Gott ist ein Gott der Freiheit. Er will nicht, dass das Leben eingesperrt ist und das Leben erstickt wird. Allen soll das Licht des Lebens leuchten. Und Christus selbst ist in das Reich des Todes hinabgestiegen und er hat den Seelen im Gefängnis des Todes gepredigt. Es ist ein heilsames Erdbeben, das die Grundfesten der Macht erschüttert, die Menschen über Menschen ausüben.

Die verschlossenen Türen öffnen sich und sogar die Fesseln lösen sich. Fast unvorstellbar. Doch wenn Gott Freiheit schenkt, dann macht er ganze Sache. Es können doch Paulus und Silas nicht mit Hand- und Fußfesseln in die Freiheit laufen.

Auch jetzt könnte die Geschichte zuende sein und es wäre eine tolle Geschichte. Gott hat Freiheit geschenkt. Nicht nur seinen beiden Getreuen, sondern gleich allen im Gefängnis. Auch das ist beachtenswert. Wenn sich Gott schon anstrengt und seine beiden Gesandten befreit, dann ist er gleich so großzügig, dass er ihnen noch die Freiheit der anderen Gefangenen dazuschenkt. Lernen wir doch daraus, wie großzügig Gott ist und lieber noch mehr Leuten Gutes tut, als nur wenigen.

Und jetzt hat Gott auch noch an den pflichtbewussten Beamten gedacht, der auf die Gefangenen aufpassen musste, aber ein Erdbeben nicht verhindern konnte. Den hat nun das Schicksal getroffen. Die Befreiung der Gefangenen durch ein Erdbeben wird ihm niemand glauben. Die Wahrheit ist manchmal unvorstellbar.

Also, der Beamte, der vorher so selbstsicher und ohne jede Gefühlsregung für andere war, der will sich jetzt gleich pflichtschuldig in sein eigenes Schwert stürzen wie einst der unglückliche König Saul. Damit will er sich und der Obrigkeit einigen Ärger ersparen – was für ein treuer Untergebener. An sich selbst denkt er zuletzt. Anders als die Massenmörder unserer Zeit, die eine große Show aus ihren Verbrechen machen und dabei auch noch von sensationslüsternen Medien unterstützt werden.

Gott aber liebt auch diesen Gefängnisbeamten und hat ihn nicht vergessen. Wir haben keinen rächenden Gott, der es allen heimzahlen will, was sie Menschen und Gott angetan haben. Gott will alle gewinnen und das weiß auch Paulus. Durch sein selbstloses Verhalten rettet er den Aufseher. Dem Paulus ist die äußere Freiheit gar nicht das höchste Gut, er hat eine unglaubliche innere Freiheit und flüchtet nicht, obwohl Gott die Tür aufgemacht hat.

Und so entsteht eine christliche Hausgemeinde im Haus des Gefängnisaufsehers.
Gott gründet überall seine Glaubenszellen. Er richtet sich nicht nach sozialen Grenzen und Vorurteilen. Der Same des Wortes Gottes kann überall aufgehen und soll es auch!

Und dann erleben wir hautnah, wie es ist, wenn Menschen Gott begegnen und Gott sie zu sich zieht, zum Glauben führt, und wir Christen stehen dabei und können nur staunen, welches Werk Gott treibt. Der Aufseher spürt Gottes Gegenwart, keiner muss es ihm sagen. Er sinkt nieder und weiß, vor diesem lebendigen Gott bin ich elend verloren. Ich habe mein Leben verpfuscht und alles, was ich meinte zu erreichen, ist nichts gegen diesen Gott, dem Paulus und Silas vertraut sind. Wer zu solcher Erkenntnis kommt, der ist gesegnet und Gott recht.

Paulus sagt ihm die gute Botschaft. Nicht nur du wirst gerettet, auch deine ganze Familie, deine Frau und Kinder und alle Sklaven. Wenn du glaubst und den Deinen vorangehst, dann werdet ihr alle gerettet. Glaubt nur an den Herrn Jesus Christus, mehr ist nicht gefordert. Das schöne Wort „selig“ steht hier im Luthertext. Das ist noch mehr als gerettet: Selig zu sein heißt nicht nur: Jetzt hab ich das ewige Leben und den rechten Glauben, sondern diese Beziehung zu Gott macht mich glücklich und erfüllt mich und lässt mich das Leben mit neuen Augen schauen. Und ich bin als Glaubender nicht allein, ich bin gleich in eine tragende Gemeinschaft gestellt.

Und deshalb gibt’s gleich ein Fest in der Wohnung des Aufsehers und eine große Tauffeier. Ganz unbürokratisch, wie es Gott am liebst mag. Wunden heilen und es wird aufgetischt und bestimmt gab's einen guten Wein, wie letzten Donnerstag bei unseren Senioren, die auch immer wieder erleben, was es bedeutet selig zu sein. So sagt auch schon Luther in der Erklärung des Glaubens: Christus hat mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst, erworben, gewonnen, damit ich sein eigen sei und in seinem Reich lebe in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit. Die Liebe kann schon zeitweise in den siebten Himmel führen, der Glaube an Jesus in alle Ewigkeit. AMEN.