Predigt zur 50. Kirchweih

Predigt zu Matthäus 5, 13-16 von Dekan Uli Seegenschmiedt. Gehalten am 16.Oktober 2011.

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde! [ Augen reiben]
Wer hätte das gedacht vor einem Jahr, dass wir heute einen ganz außergewöhnlichen 50. Geburtstag, ein ungewöhnliches Jubiläum feiern dürfen? Eines, bei dem man in Dankbarkeit eines halben Jahrhunderts gedenkt mit einem wunderschönen Kirchenraum, um gleichzeitig zu sagen: „Wir wagen eine Neugeburt!“

Wir verabschieden uns gewissermaßen gedanklich auch von diesem Gotteshaus, im Vertrauen darauf, dass uns etwas wunderbar Neues geschenkt wird? 50 Jahre und eine Neugeburt! Das ist Nikodemus. Ein ganz verrücktes nächtliches Gespräch,              das ist Nikodemus!
Der heimliche Sympathisant Jesu, den der Evangelist Johannes schildert. Der gebildete fromme Mann kommt zu Jesus und bekommt zu hören:
„Ich will dir etwas sagen, Nikodemus: Wer nicht neu geboren wird, kann Gott nicht begreifen!“
Und Nikodemus reibt sich die Augen und verständnislos fragt er zurück: Ja, wie bitte soll das denn gehen? 50 Jahre alt - und wieder neu geboren werden?“
Da erklärt ihm Jesus mit weisen Worten:
Solche Neuanfänge, eine solche Neugeburt braucht Vertrauen. Vertrauen in die Geistesgegenwart Gottes ...

Da reibt man sich tatsächlich die Augen
Wer hätte sich das träumen lassen, als die Nikodemuskirche vor dreieinhalb Jahren eine Zukunftskonferenz einberief? Wer hätte sich das vorstellen können, dass hernach eine
zuversichtliche, von bescheidenem Selbstbewusstsein erfüllte Gemeinde sagt: „Wir packen das! Wir gehen auf eine Neugeburt zu!“ Ja, vielleicht geht sowas nur mit dieser Haltung eines bescheidenen Selbstbewusstseins, das ich hier immer gespürt habe: bei den Ehrenamtlichen, dem Kirchenvorstand, ihrem Pfarrer!
Wer hätte allen Ernstes behauptet, dass in Zeiten einer kritischen (wenngleich notwendigen) Gebäudebetrachtung in der Landeskirche die Kirchenleitung, der Dekanatsbezirk, das Prodekanat und die Kirchengemeinde gemeinsam den Mut aufbringen, neu zu denken, eine Neugeburt zu wagen?
Wer konnte sich ausmalen, was für ein großartiger Entwurf am Ende des Architektenwettbewerbs seiner Verwirklichung harrt?
Wer hätte geglaubt, dass die kleinste Kirchengemeinde Münchens innerhalb weniger Wochen mehrere Seiten namhafter Münchner Zeitungen füllen würde? ... zuletzt am Freitag mit dem wunderschönen Artikel „Ökumene, an die Wand gemalt“ –            Aber so ist halt Nikodemus!
Der biblische Nikodemus ... und diese Kirchengemeinde!

In gewisser Weise ist Nikodemus immer eine besondere Gemeinde gewesen in den zurückliegenden 50 Jahren: Klein, aber ... fein!
Sie waren die 1. Gemeinde der bayerischen Landeskirche, die eine Frau zur 1.Pfarrerin wählte, die unvergessliche Marianne Pflüger.
Offene Jugendarbeit - heute selbstverständlich - aber in den 70ern? „Club 77“ mit Diakon Joe Handke. Wir Heutigen können nur ahnen, wie es da seinerzeit im Keller munter und kunterbunt zuging!
Ökumene mit Katholiken und Orthodoxen gleichermaßen, wo gab es das, bevor Apostolos Malamoussis 1982 hierher kam? Eure „ökumenische Bank“ ist vielleicht die einzige Bank, auf die man in diesen Zeiten wirklich setzen kann!
Oder: die kleine Nikodemuskirche bekommt hohen Besuch aus Mittelamerika, aus El Salvador. Bischof Medardo Gomez predigt hier. Und daraus wächst eine Dekanatspartnerschaft!

Das bunte Gemeindeleben heute, auch das kann sich sehen lassen:
es reicht vom Hausbibelkreis bis zum Osterbazar, von der Gastlichkeit der offenen Behindertenarbeit bis zur Gastfreundschaft für die wunderbaren „Gospelsterne“.
Viel Integration und Internationalität in diesen Mauern: Koreaner und Chinesen z.B. Vom kleinen Besuchsdienst bis zur Hochschulseelsorge, von Pep4Kids bis Krippenspielgruppe ...
ein bunter Strauß gelebten Glaubens,
ein würziges Gemeindeleben, eine ausstrahlende Gemeinde!
Womit wir bei díesen großen Worten Jesu wären aus der Bergpredigt

13 Ihr seid das Salz der Erde. ...
14 Ihr seid das Licht der Welt. ...

Wie bitte? Ihr? Wir hier?
Wir sollen Salz und Licht für die Menschen sein?
Spürt und sieht man uns denn überhaupt hier im Stadtteil?
Von wegen ... "die Stadt auf dem Berge kann nicht verborgen sein"?!
Die Alte Heide ist doch kein Gebirge!

„Salz für die Erde“ und „Licht für die Welt“ das stellen wir uns doch ganz anders vor, nicht wahr?

Uns schwebt bei diesen Worten vielleicht eine auf Jesus eingeschworene Schar unverwüstlicher Christen vor, fröhlich in Hoffnung, geduldig unter Belastung, beharrlich im Gebet. Eine Art schnelle Eingreiftruppe für die Welt, die weiß, worauf es ankommt und wie man es macht. Eine Gemeinde mit scharfem Profil und klaren Konturen.  Unübersehbar. Unüberhörbar. Nicht bloß im Licht der Öffentlichkeit, nein, selbst im kleinen zwischenmenschlichen Bereich vorbildlich, einladend, herausfordernd für die Menschen in unserer Umgebung.

Aber wenn wir uns dann selber anschauen, möchte es uns allein beim Gedanken an eine solche Mustergemeinde schwindlig und unheimlich werden. Vielleicht waren wir hier ein wenig Salz und dort ein bisschen Licht, vielleicht werden wir dies auch in Zukunft sein, aber "Salz der Erde - Licht der Welt - Stadt auf dem Berge", o je, o je!

Unsere erste Reaktion wird also sein: Das ist ein zu großes Hemd. Das ist nicht unsere Kragenweite. Das ist zu anspruchsvoll für ein ganz normales, durchschnittliches Christsein.
Jesus muss damit Heilige gemeint haben, die man auf Ikonen verewigt oder engagierte Christen, die in der Öffentlichkeit stehen und etwas zuwege bringen.... aber doch nicht uns, oder?
Jesus kannte diese Haltung der kleinen Leute. Wir sind doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Jesus erlebte auch bei den Jüngern solche resignativen Gedanken. Wer sind wir schon? Was können wir schon?
Jesus wusste genau, wie es in den geistlich Armen, den Leidtragenden, den Sanftmütigen und Friedensstiftern innerlich aussah. Er stimmt allerdings nicht ein Mitleidslied an, er lacht nicht hämisch oder schadenfroh, er nennt diese Klientel vielmehr ganz schlicht und ergreifend "selig" (siehe Matthäus 5, 1-10).
Selig seid Ihr!
Schlicht und ergreifend sagt Jesus allen Ernstes ... und wir hier, jede und jeder einzelne darf sich dabei angesprochen wissen:

„Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt!"

Im Übrigen: wer hätte das gedacht, dass dieser Jesus von Nazareth die Welt wirklich tiefgreifend und umwälzend verändert?

Diese beiden Bilder, die Jesus da verwendet, Salz und Licht, machen mehr als deutlich, dass hier Vorwürfe und Kommandos fehl am Platze sind.
Salz salzt einfach. Was sollte es anderes tun?
Licht leuchtet. Auch das muss man ihm nicht eigens befehlen.
Eine Stadt, die auf einer Anhöhe liegt, muss nicht besonders prächtig sein, damit sie Orientierung bietet.
So gilt das auch für die Nikodemus-Gemeinde:
Seid, wie Ihr seid. Und so seid Ihr Salz der Erde, Licht der Welt!

Jesus liebte ja einprägsame Bilder. Er drückte sich handfest aus. Salz und Licht kennt jeder.
Wir wissen, dass wir Salz nicht entbehren können. Das Salz ist nicht nur Geschmackssache, über die man so oder so streiten kann. Ohne Würze kein Appetit, ohne Appetit kein Leben. Unscheinbar, jawohl, das ist das Salz. Aber nicht unnötig.
Genauso ist es mit dem Licht. Scheinbar selbstverständlich, aber ohne Licht kann es kein Leben geben.

Ebenso lautet die Bestimmung der Christen.
Selbstlos wirken wie das Salz.
Sich sehen und spüren lassen - dazu sind Christen da.
Erhellen und das Dunkle sichtbar machen - dazu sind Christen da. Unterm Scheffel wäre das Licht zwar eine Weile besser aufgehoben als im Luftzug der Welt. Im Salzfass wüsste sich das Salzkorn wohlbehütet unter seinesgleichen. Aber das Licht stürbe an Sauerstoffmangel und das Salz würde auf die Dauer verklumpen.

Also hinaus in die rauhe Wirklichkeit und Wirkung zeigen! Die Fadheit des Daseins, die Fäulnis aufhalten. Das Salz kann es. Es beißt, aber es konserviert auch. Die finstere Gesinnung, das frustrierte Klagen erhellen und erleuchten. Das Licht kann es. Es leuchtet rücksichtslos hinein auch in den lichtscheuen Winkel.
Wer Jesus nachfolgt und sich von ihm beschenken lässt, der gibt einen farblosen und nichtssagenden Lebensstil auf. Er zeigt Wirkung in seiner Umgebung, in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Sportverein, im Stadtteil, in der Politik.

An dieser Stelle könnte man nun einwenden: „Das ist ja entsetzlich arrogant!“
Darauf kann ich nur antworten: Niemand kann sagen: Wir sind das Licht der Welt, wir sind das Salz der Erde. Beides wird uns gesagt! Es wird uns zugetraut.
Es wird Menschen zugetraut, die sich selbst eher im Finstern sitzen sehen. Jesus traut es denen zu, die er in den Seligpreisungen anspricht: den Armen an Lebenskraft, den Trauernden, den Sanftmütigen, denen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denen, die verfolgt sind. all denen, die im Finstern hocken. Keiner Elite, eher einer Anti-Elite. Nicht der Mustergemeinde, sondern der kleinen, aber feinen Schar!

Mit solchen Menschen hat Gott Großes vor. Durch sie will er sein Licht in der Welt zum Leuchten bringen! Mit ihnen, mit uns, mit Euch hat er weit mehr vor, als wir uns selbst zutrauen.

Doch nun mal Hand aufs Herz:
sind wir wirklich so einflussreich in der Welt? Seid Ihr hier in Nikodemus so bedeutend, dass man Euch nicht übersehen könnte? Gibt‘s hier so klasse Leute, die man einfach kennen muss?
Ich sag - mit einem gewissen Augenzwinkern - mal „JA!“
Ich denk da z.B. an Gerhild Schurian, die muss man kennen! Seit 1968 spielt sie nun die Orgel hier in Nikodemus, seit 43 Jahren! Sie ist definitiv die dienstälteste Kirchenmusikerin im Dekanatsbezirk München! Für Sie wandle ich mal das Jesuswort um: „Ihr seid die Musik der Welt!“

Aber jetzt mal ehrlich:
Wir Christen sind keineswegs so bedeutend, wie wir gern wären. Wenn von den gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland die Rede ist, werden zwar immer auch die Kirchen genannt. Aber mehr und mehr scheinen Banken und Konzerne mehr Einfluss und Wirkung zu haben als alle christlichen Gemeinden zusammen.

Also nochmal die Frage:
Ist das Jesuswort nicht entsetzlich anmaßend und arrogant?

Wichtig ist:
Dieser Text redet nicht von dem, was wir als Christen ausrichten. Er spricht wie die ganze Bergpredigt indirekt davon, was Gott tut. Und was Gott durch uns tun will.
Er ist das Licht. So kann unser Leben hell werden durch ihn.
Er ist der Friede. Deshalb können wir Frieden stiften.
Er ist die Vergebung. Deshalb können wir uns miteinander versöhnen.

Darum werden die Jünger Salz der Erde genannt. Nicht, weil sie selbst so viele kernige Leute in ihren Reihen haben, sondern weil Gott auch mit Versagern neu anfängt.
Und darum heißt Jesu Gemeinde Licht der Welt. Nicht, weil es so viele glänzende Gestalten in ihr gibt, sondern weil bei Gott auch die nicht vergessen sind, die sich im Dunkeln befinden.
Die Welt lebt nämlich nicht von Menschen, die ihre eigene Vollkommenheit zur Schau stellen, sondern von solchen, die verzeihen können, weil sie selbst immer wieder Vergebung nötig haben.
Die Welt lebt nicht so sehr von Menschen, die Macht und Einfluss gebrauchen um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, die in die eigene Tasche wirtschaften, sondern von solchen, die andere tragen, ja, wo es sein muss, auch einmal ertragen...

Es hat seinen Grund, dass wir als „Salz der Erde“ in Anspruch genommen werden und nicht als Zucker oder Schokoladenguss, obgleich Mitmenschen und Politiker die Christen gern so sähen. Okay, ein wenig Süße im argen Leben, warum denn nicht?
Es hat seinen Grund, dass wir als "Licht für die Menschen" angesprochen sind, und nicht als Tranfunzeln oder Farbtupfer, die das bunte Leben (in einer pluralistischen Gesellschaft) noch ein wenig vielfältiger machen.

Jesus würde uns allerdings vermutlich auch davor warnen, wenn wir Christen lediglich das Öl im Getriebe der Welt wären und nicht auch der Sand ... oder wenn wir immer das Schlusslicht am Gesellschaftszug bildeten... Das Salz gehört in die Suppe. Das Licht gehört in die Welt. Wir sollen uns im wahrsten Sinn des Wortes unter die Leute mischen!
Hier wird also einem Gemeindeleben widersprochen, das nur unter sich bleiben will.

Wie wunderbar wird das der preisgekrönte Entwurf ausdrücken, wenn die Menschen, die hier vorbeikommen, wirklich Kirche wahrnehmen können und dürfen!
Kein Christsein im Hinterstübchen, das es nur mit Leuten aushält, die die gleiche Wellenlänge haben. Kein Christsein hinter vorgehaltener Hand, das sich rücksichtsvoll und taktvoll zurückhält.
Christen wird man -im wahrsten Sinn des Wortes - herausschmecken!

Ich möchte es mit einem Gedicht von Lothar Zenetti verdeutlichen:
Was keiner wagt, das sollt ihr wagen;
was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken;
was keiner anfängt, das führt aus.
Wenn keiner Ja sagt, sollt ihr's sagen;
wenn keiner Nein sagt, sagt doch Nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben;
wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken;
wo alle spotten, spottet nicht.
Wo alle geizen, wagt zu schenken;
wo alles dunkel ist, macht Licht.

„Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt!"

Das heißt nicht, dass wir unserer Umwelt ständig die Suppe versalzen sollen oder sie ständig blenden müssten.
Aber es bedeutet, für bekömmliche und helle Lebensbedingungen einzutreten, wo immer Menschen in den Schatten abgeschoben werden.

Mancher könnte zum Schluss einwenden: "Oh, für all diese Aufgaben sind wir viel zu wenige!"
Macht nichts! Im Bild vom Salz gesprochen: Ein Verhältnis 1:1 ist nicht nötig.

So schließe ich mit Worten von Rudolf Otto Wiemer:
Ihr seid das Salz der Erde, vielleicht nur ein Korn,
aber das Korn, man wird es schmecken.
Ihr seid das Licht der Welt, vielleicht nur ein Funke,
aber der Funke fällt hell auf den Weg.
Ihr seid das Salz der Erde, vielleicht nur eine Handvoll,
aber das Salz bewahrt vor Fäulnis.

Wer hätte das gedacht!                      Amen.