Okuli 2016

Predigt von Diakon Eduard Haußmann, gehalten am Sonntag Okuli, 28.2.2016

Epheser 5,1-8 a
So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder
und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.
Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung.

Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
Darum seid nicht ihre Mitgenossen. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.

Liebe Gemeinde, kennen Sie schwarz – weiß?

Nein, ich meine nicht die Farben schwarz und weiß, die kennen wir alle. Kennen Sie schwarz-weiß-Denken? Manche Menschen denken nur in schwarz und weiß. Für sie gibt es keine Nuancen zwischen diesen beiden Farben, keine Grautöne, keine Variationen.
Entweder etwas ist gut – oder es ist böse, entweder toll oder schlecht, entweder schön oder hässlich, entweder moralisch oder verwerflich. Schwarz-weiß-Denken.

Das geht bis dahin, dass Gleiches mal so und mal so ausgelegt wird. Ein paar Beispiele:
Die Andern machen jeden schlecht, aber ich sage meine ehrliche Meinung über jeden.
Die Andern sind egoistisch und rücksichtslos, aber ich bin selbstbewusst und energisch.
Die Andern sind karrieregeil und drängeln nach oben, aber ich verstehe es, Chancen zu nutzen.

Schwarz-weiß-Denken.
Solche Menschen machen ihrer Umgebung das Leben manchmal ganz schön schwer. Und sich selbst übrigens auch.

Haben Sie es gemerkt? In unserem Predigttext kommt auch schwarz-weiß vor. Hören wir noch einmal genau hin. Da wird uns zugesagt:
Früher wart ihr Finsternis – nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Früher schwarz – jetzt weiß.
Und wir haben gehört, wozu wir aufgefordert werden:
Unzucht und Unreinigkeit, Habsucht und lose Reden sollen wir meiden, wie es sich für die Heiligen gehört.
Nun ja, mag da einer denken. Das verwundert mich nicht weiter. In Sachen Moralpredigt war die Kirche ja schon immer gut.

Aber geht es darum?
Geht es in unserem Predigttext darum, uns selbst als gut und toll darzustellen und den Rest der Welt zu verwerfen und zu verurteilen? Also schwarz-weiß-Denken? – Ich denke nein. Was haben uns nun diese Verse zu sagen? Was geht über eine selbstgerechte Moralpredigt hinaus?

Die Ermahnungen werden uns und die Kirche nicht besser machen. Aber sie erzählen von Erfahrungen, die Menschen schon einmal mit dem Glauben an Jesus gemacht haben. Sie erzählen, welche Kraft von diesem Glauben ausgeht – gerade so, als käme man aus der Finsternis ins Licht. Als verließe man einen düsteren Raum und komme in den hellen, wärmenden Sonnenschein. Als erreiche man das Ende eines langen Tunnels und sähe endlich Licht und Sonne. Was für eine wunderbare Erfahrung!

Lebt als Kinder des Lichts! Badet euch förmlich in diesem Licht! Lasst euch anstrahlen, lasst euch erhellen, lasst alles Dunkle und jede Finsternis hinter euch!

Eine tiefe Sehnsucht steckt in diesen Worten. Dass unser Leben als Christen wirklich von dieser Erfahrung getragen wird: Wir sind Kinder des Lichts. Wir leben nicht in der Finsternis und auch nicht in einem Halbschatten.
Unser Leben wird erhellt von Gott selbst, vom Ursprung des Lichtes: In einem Lied, das wir immer in der Kinderbibelwoche gesungen haben, heißt es: „Gottes Liebe ist wie die Sonne, Sie ist immer und überall da.“
Und wir haben daran Anteil, wir gehören in diesen Sonnenschein dieser Liebe! Finsternis haben wir doch genug um uns und auch in uns. Was sollte uns daran hindern, als Kinder des Lichts zu leben? Der Epheserbrief sagt: Wie es sich für die Heiligen gehört.

Er meint mit den Heiligen alle, die zum Glauben gefunden haben. Heilige sind nach unserem Verständnis nicht Menschen, die besonders vorbildlich leben und dies, mit welchen Kräften auch immer, besser können als andere, sondern Heilige sind – und so lautet auch die Übersetzung: Heilige sind „Gott gehörige“ und zu Gott gehören wir eben durch die Taufe auf diesen dreieinigen Gott. Da ist Gottes Liebe sozusagen ausgegossen worden in unsere Herzen. Und deshalb können und sollen wir sie überfließen lassen und weitergeben.

Ich weiß nicht, ob Sie es vor kurzem gelesen oder gehört haben: Es nehmen immer mehr moslemische Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern an einem Taufunterricht teil. Sie wollen Christen werden. Nun sagen da natürlich einige: die wollen ja nur damit ihr Bleiberecht erkaufen. Aber nein, sagen die Pfarrer, die diesen Taufunterricht erteilen. Sie haben ja in ihren Ländern gesehen, wie Christen ihren Glauben bezeugen. Manche haben sogar schon da Kontakt mit diesen Christen aufgenommen und wollen tatsächlich konvertieren. Ist das nicht tröstlich?

Wie aber gehen wir nun um mit diesen harschen Ermahnungen aus unserem Epheserbrief?
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinigkeit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein.
Geht es nicht doch um Moral und Besser sein für uns Heilige?

Ich möchte Ihnen dazu eine Geschichte erzählen, sie stammt von Martin Niemöller, dem leitenden Pfarrer der sich Hitler widersetzte. Er gehörte zur Bekennenden Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus. Ich habe Niemöller noch persönlich kennen gelernt, als er während meiner Ausbildung in Rummelsberg einen Vortrag hielt. Da saß ich neben ihm und durfte seine Rede auf Band aufzeichnen.

Also Niemöller erzählte einmal:
„Mein vor 15 Jahren heimgegangener Vater hat uns, seine fünf Kinder, nicht mit moralischen Ratschlägen und Vorschriften großgezogen; er war ein dankbarer fröhlicher Christenmensch. Er trank nicht, weil es ihm nicht schmeckte, aber er rauchte, weil es ihm schmeckte.
Als ich als Achtzehnjähriger das Elternhaus verließ, da gab er mir eine Weisung mit, und ich habe sie nie vergessen können; er sagte ganz schlicht: Mein lieber Junge, freue dich an nichts, wofür du Gott nicht danken kannst! – Und dieses Wort hilft mir noch heute.“

Soweit Martin Niemöller. Ich glaube, dass er uns mit dieser Geschichte einen wichtigen Schlüssel mitgibt, wie wir unser Leben als Christen gestalten können.
Es geht nicht darum, alles wegzulassen, was uns Spaß und Freude macht, weil gerade das bestimmt Sünde ist. Es geht nicht darum, das Leben zu beschränken. Sondern die Dankbarkeit ist der Schlüssel dafür, ob ich die Dinge und Erfahrungen aus Gottes Hand nehme oder nicht: Mein lieber Junge, freue dich an nichts, wofür du Gott nicht danken kannst!
Die Dankbarkeit wird zum Schlüssel dafür, die Dinge zu unterscheiden:

Zwei ganz besonders kritische Bereiche unseres Lebens werden nun im Brief an die Epheser genannt, die das deutlich machen: Unzucht und Habsucht.
Unser Umgang mit Sexualität und unser Umgang mit dem Geld.

In beiden Dingen ist die Frage entscheidend:
Kann ich Gott für diese Gaben einfach nur dankbar sein, oder kommt mir der Dank – wenn ich ehrlich zu mir selber bin – nicht so leicht über die Lippen?
Die Warnung vor Unzucht und Unreinheit sowie vor schandbaren und losen Reden wirkt auf manche Menschen reichlich altbacken und betulich. Dabei sind diese Worte zeitlos aktuell – heute wahrscheinlich mehr denn je. Es geht hier um die wirklich sensiblen Bereiche des Menschseins. Um die Bereiche, in denen wir besonders verletzlich sind. Darum ist hier Klarheit nötig, und auch Grenzen sind hier nötig.
Spätestens wenn es zu Missbrauch und Grenzüberschreitung kommt, wenn Schwachen – und hier möchte ich sagen: heutzutage besonders den Flüchtlingen – Gewalt angetan wird, dann spätestens wird klar: Hier endet der Bereich des Lichts. Das geht nicht zusammen mit einem Leben im Licht. Da hinein passen auch nicht Ehebruch oder Prostitution, – das nämlich meint Unzucht. Angesprochen werden hier sexuelle Praktiken, die das Schöne und Beglückende von Liebe und Sexualität herauslösen aus der ganzheitlichen Bindung zweier sich liebender Menschen. „Liebe“ ohne Liebe – das tut nicht gut. So hat es vor drei Wochen auch Pfarrer Staude in seiner gereimten Predigt hier ausgelegt.
Auch wenn sich Vorstellungen und Sitten verändern:
Der sexuelle Missbrauch von Schwächeren ist immer Finsternis. Und niemals Ausdruck von Liebe oder Fürsorge.
Im gleichen Zusammenhang nennt Paulus die Habsucht. Nicht der Reichtum an sich wird verteufelt. Es geht um die Abhängigkeit von den Dingen, um die innere Gebundenheit an den Besitz, um unsere Gier nach immer mehr. Denn beides, die missbrauchte Sexualität und das unbeschränkte Haben wollen, sind Ausdruck einer Gier. Einer Gier, die Menschen und Dinge zu Objekten macht, die unserer Lusterfüllung zu dienen haben.

Hinter all diesen Ermahnungen steht allerdings eine ganz positive Überzeugung: Es gibt eine Freude an der Sexualität, sie ist ein großes und wunderbares Geschenk Gottes an uns Menschen. Und es gibt auch eine echte Freude an dem, was man besitzt. Aber niemals darf dadurch ein Mensch herabgewürdigt werden.
Niemals darf er in seiner Scham oder in seinen Gefühlen verletzt werden. Und nie soll der Wunsch, die Sucht, die Gier nach immer mehr Leben beherrschen. Nie sollen Dinge über Menschen stehen. Kein Geld der Welt, keine noch so schöne Wohnung, weder Kleidung noch Auto noch Besitz ist wichtiger oder wertvoller als Liebe und Glaube und Geborgenheit. Wie heißt es bei Matthäus 6,25: Darum sage ich euch: sorget nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet, ist nicht das Leben mehr als die Kleidung?

Natürlich hat unser Glaube Folgen für unser Verhalten.
Aber der Glaube macht uns nicht automatisch zu besseren Menschen. Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer! – so krass bringt der Apostel Paulus es auf einen Nenner. Die Kirche ist keine moralische Besserungsanstalt! Nein, wir werden ohne Verdienst gerecht aus Gnade. Und Gottes Gnade gilt gerade den Sündern, den moralisch nicht Perfekten, denen, die keine Lichtgestalten sind. Das ist der Kern unseres biblischen und reformatorischen Glaubens.
Immer sind wir Gerechte und Sünder zugleich. Was Gott mit uns vorhat, das ist die „Heiligung“ unseres Lebens.

Die alten Reformatoren haben es so genannt und damit richtig begriffen, dass wir nicht mit einem Mal „Heilige“ werden, sondern unser Leben – solange wir leben – ein Weg ist, hin zu einem Ziel. Heiligung heißt dann:
In Dankbarkeit das Geschenk der Liebe Gottes empfangen.
Verstehen und begreifen, dass ich Gott das Glück meines Lebens nicht aus der Hand reißen muss, sondern dass er es gibt. Wie hieß es doch in der Jahreslosung für 2014: Psalm 73,28 „Gott nahe zu sein ist mein Glück“.

Amen