Predigt 2. Mose 33,17-23 2. nach Epiphanias 2017 "Die brennende Liebe Gottes"

 

17 Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“ Ex. 33, 17-23

 

Liebe Geschwister in unserem Herrn J. Ch.:

 

Was für eine wunderbare Botschaft liegt in diesem Gespräch zwischen Mose und Gott. Da liegt die ganze Frohe Botschaft, das Evangelium darin.

 

Und das über1000 Jahre bevor Jesus geboren wurde.

 

"Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden. Über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich, dem bin ich gnädig!" Das ist Barmherzigkeit im Quadrat ja in Potenz! Das ist Gott, der die Liebe ist.

 

Nun könnte ja jemand einwenden: Warum erbarmt Gott sich über den Mose und warum über so viele andere nicht. Der Mose hatte Glück und ich bin nicht so religiös veranlagt, das ist ungerecht.

 

Aber so dürfen wir es nicht sehen. Dass Mose Gnade gefunden hat, das ist das Vorbild für uns alle, das ist die Verheißung, die mit Jesus für alle Menschen gilt und keiner ist ausgenommen. Über den Unfähigsten und Ungeschicktesten und Unglücklichsten will sich Gott erbarmen. Gott trägt ihn am Herzen – selbst wenn er ein großer Sünder ist. Umso größer wird die Liebe sein, die der begnadete Sünder zu Gott haben wird. Denken wir doch an Maria Magdalena, die einfach zu Jesus kam, nicht auf die vernichtenden Blicke der Fachleute für Religion achtete, sondern einfach etwas Allerliebes für Jesus tun wollte. Sie hat gespürt, wer Jesus ist. Mit theologischen und philosophischen Worten hätte sie es nicht ausdrücken können. Sie cremt seine Füße ein und weint und trocknet die Füße mit ihren Haaren – für strenge Moralapostel ein absolutes Unding, weil darin eine unglaubliche erotische Spannung liegt. Und doch bleibt es ganz unschuldig und Jesus lässt es geschehen und sagt nur: Dieser Frau sind ihre vielen Sünden vergeben, sie hat viel geliebt. Er beschämt diese Frau nicht, er hat Hochachtung vor ihr. Sie ist eine Auserwählte wie Mose.

 

Gott, der HERR hat Mose zugesagt: "Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen." Mose packt diese besondere Zusage gleich beim Schopf. "Ja, wenn dass so ist, dass ich vor Dir Gnade gefunden habe, dann: Lass mich doch auch deine Herrlichkeit sehen!" Der Mose ist richtig unverschämt, dieser Mose! Gott reicht ihm die Hand und Mose lehnt nicht demütig ab und murmelt nicht: "Aber ich bin doch viel zu klein und unbedeutend und das habe ich doch nie und nimmer verdient." Nein, Mose stellt sich im Glauben auf diese Zusage und hält sie Gott vor: "Wenn du mir schon Gnade zusagst, denn beweise das auch und lass mich Deine Herrlichkeit sehen." Ja, so zudringlich sollen und dürfen wir mit Gott umgehen. Gott will gebeten sein. Er wartet nur darauf, schenken zu können, er will uns reizen, dass wir ja nicht zu wenig von ihm erbitten und fordern!

 

Und Gott wird antworten, wenn du rufst – so hieß es am Freitag in der Losung. Es ist wirklich so!

 

So spricht Gott zu Mose: "Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich." Basta! Das ist grundloses Erbarmen: Gott muss sich für seine Gnade nicht rechtfertigen! Er darf einfach gnädig sein, wer will denn Gott die Gnade verbieten?? unser enges hartes Herz hat doch Gott nichts vorzuschreiben!! Gott darf gnädig sein und er ist es!

 

Die Herrlichkeit möchte Mose sehen – ja was ist denn die Herrlichkeit Gottes? Der Glanz von Gold und Edelsteinen etwa oder ein Feuer wie der Schmelztiegel unserer Sonne, der sich niemand nähern kann ohne zu verglühen? Nun, das sind alles nur Bilder und Vergleiche, die etwas ausdrücken wollen, was eigentlich unbeschreiblich ist. Gott selber gibt hier die Antwort im Klartext: "Meine Herrlichkeit ist der Reichtum meiner Güte." Alle Herrlichkeit ist nämlich nur Teufelswerk, wenn sie in ihrem Wesen nicht von der Liebe durch strahlt wird. Alle Herrlichkeit dieser Erde, alle Machtfülle dieser Erde kann nämlich der Teufel dem Jesus anbieten, doch darin steckt nur die Eiseskälte, die Fratze des Bösen, die besonders auch heute immer deutlicher zu erkennen ist in den angeblich humanitären Machtgebilden. Gottes Herrlichkeit ist eine andere als die Herrlichkeiten dieser Welt. Gottes Herrlichkeit ist einzig und allein der Reichtum seiner Güte – oder sagen wir: Die Liebe, die aus lauter Güte besteht. Auch im Koran ist ja von der Barmherzigkeit Gottes immer wieder die Rede. Zu fragen ist allerdings, ob sich dahinter tatsächlich auch die bedingungslose Liebe zu dem Sünder verbirgt oder ob da die Barmherzigkeit Gottes nicht zwingend an die Bedingung geknüpft wird, dass der Mensch sich unterwirft, kein Sünder zu sein hat und sich nur versehentlich versündigen darf, sonst droht ihm der Tod, nicht nur im letzten Gericht, sondern hier und sofort. Aber das Wort Barmherzigkeit ist jedenfalls im Judentum und auch im Islam abgeleitet vom Mutterleib, von dem Ort wo die Liebe bedingungslos ist, wo sich die Mutter grundlos erbarmt über ihr Kindlein. „Kann und mag auch verlassen ein Mutter je ihr Kind und also gar verstoßen, dass es kein Gnade mehr find? Und ob sichs möcht begeben – Gott schwört bei seinem Leben, er dich nicht lassen will.“ heißt es im Lied.

 

So groß ist die Liebe Gottes. Doch sie ist verhüllt, verborgen, schwer zu erkennen. Die Welt klagt Gott an für die Grausamkeit, die sich ereignet. Und doch ist es nicht von Gott, was die Welt so grausam macht. Es ist der Mensch selbst in seiner Verbohrtheit in sich selbst, in seiner Rechthaberei und in seinem Wahn nach Richtigkeit, die die größten Grausamkeiten hervorbringt. Gottes Liebe aber ist verborgen in dem, was so grausam wirkt, im Kreuz, an das der Gottes Sohn genagelt wird. Was als grausam verkannt wird von der Welt ist für die Augen des Glaubenden das größte Wunder der Liebe. Gott, ein unendlicher Backofen voller Liebe, ein Feuerbrand der Liebe, der sich selbst verzehrt aus Liebe, um die Welt zu retten.

 

Mose kann dieser Liebe Gottes noch nicht ins Auge sehen. „Kein Mensch wird leben, der mich sieht.“, muss Gott ihm sagen. Diese Liebe Gottes ist eigentlich unerträglich, sie schmerzt, sie tut weh, sie reizt zum Widerspruch. Nein, so grundlos und abgrundtief darf die Liebe doch nicht sein. Aber sie ist es! „Amazing grace“-Unfassbare Liebe. „that saved a wretch like me“-die einen Mistkerl wie mich gerettet hat. „I once was lost, but now am found“-Einst war ich verloren, nun bin ich gefunden “was blind, but now i see“-Blind war ich, doch nun sind mir die Augen geöffnet.

 

Mose wird von der Hand Gottes gnädig überdeckt, wenn die Herrlichkeit der Liebe Gottes an ihm vorüberzieht. Er kann das Geheimnis der Liebe Gottes noch nicht ganz und gar erkennen, doch er darf Gottes Herrlichkeit hinterher staunen. Er darf die Spuren der Liebe Gottes im Nachhinein erkennen. Was für ein wunderbares Bild: Mose hat einen Schutzraum bei Gott. Im Raum auf dem Felsen darf er stehen. Voll geschützt durch die Hand Gottes, wie in einer Höhle, wie im Mutterleib geborgen, wo das Kind sich des Lebens freuen darf und strampeln, nichts wissend von den Gefahren außerhalb und all der Bosheit, voller Urvertrauen.

 

Ich frage mich immer wieder: Was ist aus dem kindlichen Glauben geworden, wie er uns in so großer Klarheit bei Martin Luther begegnet. Luther hat sich einfach an die Zusagen Gottes geklammert, sie für sich persönlich mit der Unverschämtheit eines Kindes eingefordert und nicht gezweifelt an der Barmherzigkeit Gottes. Er hat darauf bestanden: "So steht es doch geschrieben", hat sich an das eindeutige Wort Gottes gehalten. Und was ist daraus geworden: Ein Hin- und Herdrehen des Wortes, ein Anzweifeln, ja sogar ein Zerlegen und Zerschneiden der Zusagen Gottes, wie wenn man einen Leichnam seziert. Kein Wunder, wenn die Kirche sich dann zu einem Friedhof wandelt, wo sie doch der Ort des Lebens sein soll. Ein Ort, wo das Leben blüht und die Trauer weicht und die Hoffnung trotz allem immer wieder aufkeimt und durchbricht.

 

Wir dürfen staunen über die abgrundtiefe Liebe Gottes, die alle Vernunft übersteigt. Aber nicht nur staunen, lassen wir uns hineinstellen in diese bergende Höhle des Erbarmens Gottes. Der Reichtum seiner Güte wird vorüberziehen und diese brennende Liebe wird uns nicht verzehren, sondern entzünden zur Liebe, die keine Grenzen mehr kennt. Denn Jesus hat die Grenzen niedergerissen. Da wird niemand mehr verdammt, alle sind sie erlöst von dem Gesetz des Todes und der Sünde, das verurteilt. Das neue Gesetz des Geistes befreit uns in der Liebe Gottes hinein, in das Leben und den Frieden. Das schenke Gott uns allen. AMEN.