Predigt Christvesper 2016 Nikodemuskirche Johannes 3,16

Johannesevangelium 3,16 "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. “

Liebe Geschwister in unserem Herrn Jesus Christus:

Wie oft hören wir in diesen Tagen den Wunsch: Ein frohes Weihnachtsfest. Immerhin, ein frohes Weihnachtsfest. Nicht etwa: viel Erfolg, nicht etwa: viel Spaß, immerhin ein frohes Fest. Froh, das ist noch ein wenig verwandt mit der Freude, von der uns die biblische Weihnachtsgeschichte spricht: Der Engel verkündet da: große Freude, und die Hirten, nachdem sie das Kind wie beschrieben im Stall gefunden haben preisen und loben Gott, Freude im Quadrat, ist das nicht peinlich und übertrieben? Hand aufs Herz, wer von uns preist und lobt Gott wirklich an Weihnachten? Vielleicht etwas verhalten verborgen im Herzen, aber so richtig Gott loben und preisen? Da werde ich ja zum Spott! Diese hartgesottenen Leute mit einem inneren Panzer ums Herz wegen die Verachtung, die ihnen immer wieder entgegenschlug, die preisen und loben Gott - Das haben sie wohl noch nie getan, das ist unfaßbar, die Begegnung mit dem Kind muss sie in der Tiefe des Herzens ergriffen haben.

Also ein frohes Fest ist schon ganz gut und führt ein wenig zu Weihnachten hin, doch trauen wir uns auch wieder, ein gesegnetes Fest zu wünschen, auch wenn das so fromm klingt und unser Volk die Frömmigkeit lange schon verlernt hat. Ach, wären wir frömmer, kindlicher, aufrichtiger - denn die Frömmigkeit, über die von den ach so schlauen und besserwisserischen Leuten so hergezogen wird, sie sagt uns, dass wir nicht verloren sind in dieser seltsamen Welt, in der die Freude nur so kurz währt und das Leid grausam durchbricht und wo die Vernunft und die Humanität so leicht zu leeren Phrasen verkommen.

Die Frömmigkeit freut sich einfach kindlich über die Liebe Gottes, die strahlend hell leuchtet in der Weihnacht: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. “

Wie es auch in mir aussieht, wie es auch um mich steht und in der Welt aussieht: Gerade deshalb und dennoch ist Weihnachten. Weihnachten leuchtet seit beinahe 2000 Jahren in einer Welt, auf der drückende Finsternis lastet und die von Blut trieft. Gerade darum, weil es in dieser Welt so finster ist, ist Weihnachten die Quelle der Hoffnung und des Lebens. Der christliche Glaube, gibt sich nicht Wunschträumen hin. Wunschträumen über Fortschritt, dass die Menschheit und unsere Regierenden und unsere bösen Nachbarn oder die Mörder zur Besinnung kommen. Verloren ist die Welt, solange sie sich selbst an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen will. Ein guter Wesenskern im Menschen kommt wohl immer mal wieder in Sternstunden zum Vorschein, doch er trägt nicht. Das ist die Sünde, dass all das Gute, dass wir möchten, nicht trägt. Gerade deshalb kann der Glaube tragen und vor der Verzweiflung bewahren. In der Heiligen Nacht begegnen wir dem Gott, dem keine Finsternis zu hoffnungslos und keine Bosheit zu abgrundtief ist. Er liebt dennoch seine Menschen und nimmt für ihre Rettung das Grausigste in Kauf. Der Apostel Johannes bestaunt das Wunder der Weihnacht, das Wunder, dass sich Gott aus Liebe in menschliche Gestalt erniedrigt, dass Gott einen Weg als Mensch geht, der mit der Geburt anfängt. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Diese Welt ist verloren. In dieser Zeit spüre ich immer mehr die Hoffnungslosigkeit, die Verlassenheit, die Orientierungslosigkeit. Sich selbst überlassen, jagen sich die Menschen in den Abgrund, betrügen und werden betrogen, gehen aufeinander los. Sie gehen eher in Hass gegeneinander zugrunde, als in Liebe miteinander aufzubauen.

In genau diese Welt hat sich Gott hineinbegeben in der wehrlosen Gestalt des Kindes in der Krippe. Welche Gegensätze zu Weihnachten aufeinanderprallen hat Pfarrer Helmut Gollwitzer beispielhaft erzählt, der im zweiten Weltkrieg an der Weichselfront für Soldaten einen Weihnachtsgottesdienst halten sollte. Die Soldaten haben alle Hoffnung fahren lassen. Leer im Herzen, leer im Magen, den Tod vor Augen und im Rücken, so erwarten sie Weihnachten, fluchend, nicht freudig. Mit ablehnenden Worten wird der Pfarrer empfangen: "Wollen sie uns was vom Himmel erzählen? Da sind wir ohnehin bald nicht mehr hier. Wir gehen hier bei lebendigen Leibe zugrunde - und da wollen Sie mit den Leuten noch 'Freue dich, freue dich, o Christenheit!' singen! Hat sich ausgefreut, mein Herr, hat sich ausgefreut! Hier kommt kein Christkind mehr." Und dennoch wurde der Weihnachtsgottesdienst gefeiert. Die Weihnachtsbotschaft wurde in ihrer ganzen Tiefe deutlich. Als Hilfe im Leben und im Sterben. Wie war das möglich? Der Kompanieführer suchte nach einem Weihnachtslied, das wohl vom Kind im armen Stall, von Sünde und Tod handelt, aber nicht von der Freude. Solch ein freudloses Weihnachtslied aber war nicht zu finden. Da entdeckte der Offizier den Vers eines Weihnachtsliedes, in dem es heisst: "uns, die Satanas betrogen" und da ging ihm etwas auf. "Das ist unser Lied! Deshalb sind wir hier! Wir, die Satan hat betrogen! An wen wir wohl denken, wenn wir diesen Vers singen?"

Warum nur sind die Menschen so anfällig für jeden Betrug des Bösen? Dieser Betrug hat so viele Formen und jetzt besonders spürbar. Weil diese Welt verloren ist, auf der Flucht vor dem barmherzigen Gott und sich über die Botschaft des menschgewordenen Gottes erhebt.

Warum nur schämt sich unser Land, unsere Öffentlichkeit dieser rettenden Botschaft? Diese verlorene Welt ist um des als Mensch geborenen und für uns dahingegebenen Sohnes nicht mehr verloren. Alle, die an den Sohn Gottes glauben, Alle, die glauben, werden nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben. Das ist kein leeres Wort, ich erlebe, wie es trägt und hällt und mit Frieden und Liebe umhüllt.

Gott hat den Abgrund zur verlorenen Welt überbrückt in dem Kind, das in der Krippe liegt. Gottes Liebe ist in diesem Kinde Mensch geworden. Und diese Liebe gilt allen Menschen, wirklich allen Menschen. Was die Bibel Liebe Gottes nennt ist nichts anderes als der unumstössliche Wille Gottes, sich selbst hinzugeben an diese arme, kranke und sterbende Welt, um diese Welt zu retten und die böse Krankheit der Menschhheit zu heilen. Gott begegnet der Welt aus freier und grundloser Liebe.

Wir bekennen mit Paul Gerhardt:
"Nichts, nichts hat Dich getrieben zu mir vom Himmelszelt /
als das geliebte Lieben, damit du alle Welt /
mit ihren tausend Plagen /
und grossen Jammerlast, /
die kein Mund kann aussagen, /
so fest umfangen hast.

Wer dies fassen kann, der fasse es!

Wir haben auch Grund zur Dankbarkeit für so viel unverdiente Wohltaten und Bewahrungen.

 

Da darf ein Kind wie jedes Jahr seinen Weihnachtswunschzettel schreiben. In diesem Jahr nagen ein Zweifel im Herzen des Kindes. Ein Schulkamerad hat eine wertvolle Münze, einen goldenen Kronentaler von seinem Paten geschenkt bekommen und preist ihn hoch. Dafür könne man einen ganzen Markt leer kaufen und hätte noch übrig. Der Junge wünscht sich für Weihnachten also auch einen goldenen Kronentaler, aber dabei ist ein komisches Gefühl. Es kommt ihm fast vor wie ein Verrat am alten Kinderglauben und die abwendung vom Glanz des Christfestes. Die Feier am Heiligen Abend ist dann eigentlich wie sonst auch. Nach der Lesung der Weihnachtsgeschichte und dem Aufsagen der Verse kam der spannende Moment der Besche- rung. Die Geschwister jubelten über ihre erfüllten Wünsche, eine Geige, ein Schubkarren mit Murmeln, eine Trompete, Puppen und Bücher. Unser Junge hat auch seinen Wunsch erfüllt bekommen. In dem üblichen Teller mit Lebkuchen, Gebäck, Äpfeln steckt das blinkende Geldstück, der Kronentaler. Doch rechte Freude will nicht aufkommen. Der Kronentaler hält nicht, was er verspricht. Man kann nicht alles dafür haben. Man muss sich doch für etwas entscheiden und kann doch nur eines kaufen. An diesem Christtag sowieso nicht. Er kam sich vor wie ein fremder Gast. Er nahm sein Weihnachtsge-schenk und ging aus dem Zimmer. Und dann warf er voller dunkler Wut den Kronentaler zum Fenster hinaus und brüllte vor Enttäuschung. Eine heilsame Enttäuschung. Wie gut, dass der Vater ihn fand und an der Hand nahm und unter den Christbaum führte, wo sein Platz mit Gaben gefüllt war, die ihn nun mehr erfreuten. Ist es nicht so auch allzuoft mit uns? Wir jagen Phantomen nach. Wir meinen, wir werden glücklich mit Kaufen und Haben und oberflächlichem Dahinleben. Am Ende sind wir enttäuscht, betrogen. Doch Gott weiss kennt längst all unsere Enttäuschung und Leere. Er lässt uns nicht verloren. Er will uns führen zu dem wahren und grössten Geschenk, zu seinem einzigen Sohn, der alles trägt, jede Enttäuschung, jede Schuld, jede Flucht. Der Weg zur Krippe im Glauben an den Herrn Jesus Christus ist der Weg zurück in die Geborgenheit bei Gott. Zur Quelle meines Lebens. Daraus wächst die Freude, die tief wurzelt, in der Ewigkeit, die auch kein Tod nehmen kann. AMEN.