Predigt frei nach Luther 1. Advent 2016

Erarbeitet von Pfarrer Manfred Staude für 1. Advent 2016 - Nikodemuskirche

Martin Luther selbst war bescheiden, ihm ging es um Gottes Wort, nicht um seine eigenen originellen Worte. er sagt:
Hier an meinem Geschwätz ist ja zu merken, wie unermesslich anders Gottes Worte sind gegenüber allen menschlichen Worten. Überhaupt kein Mensch kann ein einziges Gotteswort genügend darlegen und erklären mit allen seinen Worten. Das Gotteswort ist ein unendliches Wort und will mit stillem Geist gefasst und betrachtet werden.
So will ich hoffen, dass die Predigt, die ich an seinen originalen Worte orientiere, hinführt zum Gotteswort selbst.


Liebe Geschwister in unserem Herrn Jesus Christus:
Dieses Evangelium von Einzug unseres Herrn Jesus Christus in Jerusalem reizt uns zum Glauben, will uns zum Glauben herausfordern, denn es zeigt uns, welche Gaben und Güter uns Christus schenkt. Und dann gibt es uns auch ein Beispiel und ein Vorbild, dem wir folgen sollen mit ebenso guten Werken.
Fragwürdige Prediger hatten das Volk zu der falschen Meinung gebracht, als ob der Christus wie ein Weltherrscher kommt und einher reitet, wie es die Herrscher und Könige tun, total prächtig und köstlich. Und die Leute dachten, sie würden dann alle mit herrschen wie die Oligarchen und das Establishment.
Gegen solchen Betrug hat Gott durch den Propheten Sacharja schon lange vorher verkündigen lassen: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm, und reitet auf einem Esel.“
Öffentlich am hellen Tag ist es passiert, dass Christus daherreitet wie ein Bettler auf einem ausgeliehenem Esel, der nicht mal einen Sattel hat. Deshalb müssen die Jünger ihre Mäntel und Kleider auf den Esel legen für den ärmlichen König.
Lange vorher ist es angekündigt: Christus kommt nicht auf hohem Ross, nicht mit Rüstung, Spieß, Schwerter und Gewehr – das gehört nämlich zu Mord und Gewalt. Christus kommt sanftmütig wie es der Evangelist in eigenen Worten ausdrückt - arm und elend, wie der Prophet sagte.
So möchte der Prophet alle warnen und sagt: Gebt gut acht auf den Esel! Nur wer auf dem Esel daherkommt, das ist der rechte Messias. Hütet euch also und gafft nicht auf die goldene Krone, die Kleider aus Samt oder sonst was. Christus wird elend kommen, mit sanftmütigem und betrübtem Herzen und sich auf einem Esel sehen lassen. Das allein wird seine ganze Pracht und Herrlichkeit sein, die er der Welt zeigt.
Obwohl Christus einreitet wie ein Bettler, läuft trotzdem viel Volk mit ihm. Der Evangelist sagt, dass die Leute voraus und hinterher gegangen sind und ihm zugejubelt haben als dem rechten Sohn Davids und ihm Glück und Heil zu seinem Königreich gewünscht haben.
Sie staunten nämlich über seine Predigt, sie hatten begriffen, dass nicht der Esel sie selig macht, sondern sie haben seine Predigt gehört, durch die man selig wird.
Aber, sagt der Prophet Sacharja, dieser arme Bettelkönig hat eine andere Macht als alle Kaiser und Könige und Mächtige je haben, wie groß und mächtig sie auch immer sind. Denn er heißt Justus et Salvator, Ein Gerechter und ein Helfer, wörtlich übersetzt heißt es „Retter“.
Die an ihn glauben, denen soll die Sünde vergeben sein und der Tod nicht schaden, sie sollen das ewige Leben haben und nicht sterben. Und wenn sie doch körperlich hier einmal sterben und begraben werden, so soll es es doch nicht der Tod, sondern nur ein Schlaf sein. Das will uns der Prophet mit diesen beiden Namen sagen: Ein Gerechter und ein Retter. Er könnte auch sagen: Dieser König soll sein und heißen ein Sündenfresser und Todesverschlinger, wird die Sünde tilgen, dem Tod die Zähne ausbrechen, dem Teufel den Bauch zerreißen – und wer an ihn glaubt, den wird er von Sünde und Tod erlösen und zu den Engeln bringen, wo ewiges Leben und Seligkeit ist.
Den anderen Königen auf der Erde lässt dieser König ihre Pracht, ihre Paläste, ihre Häuser, ihr Geld und Gut, lässt sie köstlicher essen, trinken, sich kleiden, bauen als die anderen Leute – aber sie können nicht, was dieser arme Bettelkönig Christus kann. Kein Kaiser oder König oder Kirchenfürst kann mit all seiner Macht aus der kleinsten Sünde helfen und auch nicht mit seinem Geld und Gut die kleinste Krankheit heilen, noch viel weniger aus dem ewigen Tod und der Hölle retten.
Aber dieser König Christus, der gerecht ist und ein Retter, kann nicht nur gegen eine Sünde helfen, sondern gegen alle meine Sünden und nicht nur gegen meine Sünden, sondern gegen die Sünden der ganzen Welt. Er kommt , dass er wegnimmt nicht nur meine Krankheit, sondern auch meinen Tod, und nicht nur meinen Tod, sondern den Tod der ganzen Welt.
Der Glaube richtet sich nicht nach dem, was er sieht und er folgt nicht dem, was er sieht und fühlt – dieser Glaube richtet sich nach dem, was er hört! Am Wort allein hängt der Glaube und nicht an den trügerischen Bildern und wie sich die Menschen geben und gefällig darstellen.
Es kann nur so sein: Wer an Christus glaubt, der kann den Reichtum unter der Armut erkennen, die Ehre unter der Schmach, die Freude unter der Betrübnis, das Leben unter dem Tod erkennen und behalten durch den Glauben, der in Gottes Worten hängt und solches erwartet.
Und dann weiter: „Dein König!“ Damit ist Christus unterschieden von allen anderen Königen. Er ist dein König, der dir verheißen ist, dem du angehörst, der dich leiten soll und sonst kein anderer. Nicht mit Zwang, sondern im Geist. Er ist es, nach dem du dich von Anfang an gesehnt hast, nach dem schon deine lieben Vorfahren mit herzlichem Verlangen geseufzt und geschrien haben, der dich von allem, was dich bisher beschwert, gedrückt und gefangen hat, loslösen und frei machen wird.
O, das ist ein tröstliches Wort für ein gläubiges Herz. Denn wo Christus nicht ist, da ist der Mensch vielen wütenden Tyrannen unterworfen, das sind keine guten Könige und Machthaber, sondern Eure Mörder, unter denen der Mensch große Not und Angst leidet, und die sind zuerst der Teufel, das Fleisch, die Welt, die Sünde, dazu auch das Gesetz und der Tod mit der Hölle. Die alle drücken das Gewissen, bewirken ein schweres Gefängnis für das Gewissen und ein sauer ängstliches Leben. Denn wo kein gutes Gewissen ist, da sind Sünden, da sind die Menschen in der Tiefe des Herzens unsicher und in Todes und Höllenangst, da ist im Herzen keine echte Freude und Lust – solche Herzen erschrecken schon vor einem rauschenden Blatt.
Wo aber ein Herz diesen König aufnimmt mit einem starken Glauben, da ist dieser Mensch sicher geborgen, er fürchtet sich weder vor Sünde, Tod und Hölle, noch vor allem Unglück. Denn er weiß genau und zweifelt nicht, dass dieser sein König, ein Herr ist über Leben und Tod, über Sünde und Gnade, über Hölle und Himmel - und alle Dinge sind in seinen Händen. Deshalb ist er unser König geworden und zu uns gekommen, dass er uns von allen solchen schweren Tyrannen erlöst und er selbst allein über uns regiert. Wer also unter diesem König ist und auf ihn setzt in festem Glauben, dem kann weder Sünde, Tod, Hölle, Teufel, Menschen noch irgend ein Geschöpf schaden. Sondern wie mein König lebt ohne Sünde und selig ist, so muss ich durch ihn auch ohne Tod, ohne Sünde, lebendig und selig bleiben ewiglich. Schaut, solche großen Dinge verbergen sich in diesem geringen Wort: „Siehe, dein König!“ Allerdings erkennt das nicht die Vernunft und begreift das nicht die Natur, sondern allein der Glaube.
Und dann heißt es: Er kommt. Dein König kommt! Das bedeutet ohne Zweifel, dass du nicht zu ihm kommen kannst. Nein, lieber Mensch, du kannst dir nicht einbilden, du könntest Gott suchen, zu ihm kommen, ihm nachlaufen und seine Zuneigung gewinnen. Hüte dich vor solchem Gift! Gott muss den ersten Stein legen und anfangen in dir, dass du ihn suchst und bittest. Er ist schon da, wenn du anfängst und suchst. Alles, was du von dir aus anfängst ist nichtig und verwerflich, auch wenn es noch so sehr glänzt, Eindruck macht und hübsch ist. Alles was die hohen Schulen und Theologen lehren, wie wir mit unserer Kraft zu Gott kommen, ist nur ein Verdunklung der Wahrheit Gottes, denn wir wissen nicht, was Christus ist, was wir sind und wie es um uns steht. Denn es heißt: Dein König kommt. Nicht du suchst ihn, er sucht dich. Nicht du findest ihn, er findet dich. Dein Glaube kommt von ihm, nicht von dir. Und alles, was der Glaube in dir wirkt, kommt von ihm, nicht von dir.
Und dann heißt es: Er kommt zu Dir! Es ist nicht genug, dass er dein König ist, er kommt zu dir. Er gibt sich selbst Dir zum Eigentum. Alles gehört dir, was er ist und hat, wie der Hl. Paulus sagt: „Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle gegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken.“
Und nun noch das Wort: „Sanftmütig.“ Das ist besonders zu merken und tröstet lieblich im Gewissen. Uns wird gesagt: Fliehe nicht und verzage nicht, Dein Gott kommt nicht wie er kam zu Adam, Kain, zur Sintflut, zu Sodom und Gomorra – er kommt nicht im Zorn, er will nicht mit dir abrechnen, nichts einfordern, aller Zorn ist abgelegt, nur Sanftheit und Güte ist da. Dein Herz soll Lust, Liebe und lauter Zuversicht zu ihm haben. Wenn du dich bisher vor Gott entsetzt hast und vor ihm geflohen bist, dann sollst du nun so sehr und noch viel mehr Zuflucht bei ihm suchen und dich zu ihm halten. Es ist ihm leid, dass er dich einmal erschreckt hat und du vor ihm geflohen bist wegen seiner Strafe und seinem Zorn. Darum will er dich wieder kühn und getrost machen und freundlich zu sich bringen. Das heißt einem armen sündlichen Gewissen tröstlich ins Herz sprechen, so gehört das Evangelium verkündigt.
Christus hat über Jerusalem geweint und geklagt. Sein Herz ist voll Jammer und Mitleiden über Jerusalem; da ist so gar kein Zorn oder Rachgier, er weint über das Verderben seiner Feinde. Niemand war so bös, dass Christus ihm ein Leid getan hätte oder Leid gewünscht hätte. Selig, wer Christus so kennt, er kann sich nicht vor ihm fürchten, sondern hat freien tröstlichen Zugang zu ihm und Zuversicht.
Und nun kommen wir auch zu dem anderen Stück, zu den guten Werken.
Der Glaube bringt Dir Christus und beschenkt Dich mit seinen Gütern. Die Liebe gibt Dich Deinem Nächsten mit allen Deinen Gütern. Aus beidem besteht das christliche Leben: Wir empfangen Christus als Gabe und wir nehmen uns Christus als Vorbild und dienen den anderen Menschen, wie er es tat. Und weiterhin kommt dann Leiden und Verfolgung wegen dieses Glaubens und wegen der Liebe. Daraus wächst aber Hoffnung in Geduld.
Was sind nun die guten Werke, die wir tun sollen? Antwort: Die guten Werke haben keinen Namen, sie sind nicht definiert.
Ein gutes Werk heißt deshalb gut, weil es nützt und gut tut und hilft, dem, dem es getan wird. Warum sollte es denn auch sonst gut heißen? Es ist ein Unterschied zwischen guten Werken und großen, langen, vielen und schönen Werken. Einen großen Stein weit werfen ist ein großes Werk, doch wem tut es gut? Dass du sehr gut springen, rennen, stechen kannst, ist ein feines, schönes Werk, doch wem nützt es? Wem hilft es, dass du coole Kleider trägst, ein modernes Haus baust? Und dass es uns betrifft: Wem hilfts, dass Du Silber und Gold an die Wände, an Stein und Holz schmierst in den Kirchen? Wer ist gebessert, wenn alle Dörfer zehn Glocken hätten, die so groß wären wie die in Erfurt? Wem nützt es, ob du ganz oder halb geschoren, graue oder schwarze Kutten trägst? Was nützt es, ob in einer Kirche wie zu Meißen Tag und Nacht ohne Unterlass gesungen wird? Eitles Narrenwerk und Verführung ist das. Die Natur macht es besser als wir. Ein Baum trägt Früchte nicht für sich selbst, sondern für die Menschen und Tiere, das sind seine guten Werke. Höre doch, wie Christus gute Werke beschreibt: Mt. 7,12: Was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, dasselbe tut auch ihnen, das ist das Gesetz und die Propheten. Du sollst also nicht Gott und seinen Heiligen Gutes tun, die brauchen es nicht, noch weniger dem Holz und den Steinen, sondern den Leuten, den Leuten, den Leuten. Hörst du nicht? Den Leuten sollst du alles tun, was du gerne möchtest, dass sie aauch dir gegenüber tun! Ich möchte auf keinen Fall, dass du mir eine Kirche baust oder Glocken gießt. Die Augen könntest du mir damit vielleicht weiden oder die Ohren kitzeln, aber was gebe ich meinen Kindern zu essen?
Darum achte darauf, das das Gute, dass du tun kannst, auch wirklich gut ist! So soll ein Mann seiner Frau und den Kindern, die die Frau dem Mann, die Kinder den Eltern, die Unteren den oberen, die Oberen den unteren und jeder dem anderen, auch den feindenmit Liebe und bereit zu dienen leben, reden, tun, hören, leiden und sterben, dass immer einer des anderen Hand, Mund, Fuß, ja Herz und Mut ist. Das sind recht christliche, natürliche, gute Werke. Das helfe uns Gott, Amen.
AMEN.

Manfred Staude, Pfarrer
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