Predigt im Gebetsgottesdienst zur Einheit der Christen 20.1.17 - rk. Allerheiligenkirche München, Pfarrer Manfred Staude

Liebe Geschwister in unserem Herrn Jesus Christus!

 

Ich habe in den letzten Jahren Mauern gebaut und Mauern erhalten. Es sind gute Mauern. Keine Mauern um Menschen zu trennen. Ich habe aus Granitsteinen gebaut. Und alle, die die Mauern sehen, haben ihre Freude daran.

 

Schöne Mauern schaffen etwas Heimatliches, Bergendes, wohin sich die Kinder zurückziehen können, wo es gemütlich ist. Auch die Ökumene kann nicht darin bestehen, dass wir alles ein ebnen und gleichmachen und alles niederreißen, was irgendwie im Weg zu stehen scheint.

 

Vielmehr geht es um den Geist, der uns zu Jesus Christus weist, der uns verbindet und der vor allem die Freude über die anderen fördert. Und so freue ich mich einfach darüber, welche wunderbaren Menschen und Glaubensgeschwister ihre Heimat in der griechisch-orthodoxen Gemeinde und in der römisch-katholischen Gemeinde haben und ich weiß: Ihr Gelingen und ihre Erfolge sind Erfolg und Segen für das große Reich Gottes, für die unermessliche Weite des Herzens Gottes. Beim Herrn im Himmel fügt sich das alles zusammen zu einem großen Gebilde, das mit Bändern der Liebe verbunden ist und auf vielfältige Weise die Liebe Gottes unter die Menschen bringt.

 

Das neue Herz und der neue Geist ist uns als Christen zugesagt. Der Prophet verspricht uns den Geist als Geschenk Gottes und als Befähigung für unseren Dienst als Christen. Ein neues Herz und ein neuer Geist, das sind unsere Waffen als Christen. Und es ist ein Wunder Gottes, wenn Menschen mit der Waffe der Güte und der Liebe kämpfen, einen Kampf des Lichtes führen in einer Welt, die von bösen Kämpfen geprägt ist. Durch dunkle Kanäle werden die tödlichsten Waffen in die Hände von grausigen Sadisten geschleust, die Öffentlichkeit wird belogen und manipuliert, dass sie meint, das alles diene doch dem Frieden und der Selbstbestimmung der Völker. Die Leiden der Menschen werden instrumentalisiert, die Zivilbevölkerung wird als wehrlose Geisel unsagbar gequält für skrupellose Machtinteressen. Irgendwie geht es immer um Öl. Ich will das nicht weiter ausmalen, wir ahnen es ja alle schon lange. Die Macht der Lüge hat überhand genommen. Steinerne Herzen orientieren sich nur noch an Luxus, Macht, Gier und Verachtung der Elenden und wollen das mit aller Gewalt verewigen.

 

Wie sehr brauchen wir den neuen Geist, das Herz aus Fleisch, das sich einfach erbarmt und wie menschen-freundlich ist ein Gewissen in uns, das sich orientiert an der Liebe Gottes, die uns Jesus vor Augen malt.

 

In Jesus finden wir das Ja Gottes zu all seinen Versprechungen! Das ist mir an Martin Luther so wichtig, so vorbildlich. Überall in der Bibel springen ihm die guten Zusagen Gottes entgegen. Überall findet er das Evangelium, die Gute Botschaft: Gott liebt uns zuallererst und so viel Trost und Zuwendung hat Gott für uns. Wie blind sind wir doch, sehen Gott als schlimmen Tyrann, der Unmögliches einfordert, dem wir nie gut genug sein können. Luther weiß: Es ist der Teufel, der uns alle möglichen Zweifel an Gottes Zuwendung ins Herz sät, uns die Liebe Gottes ausradieren will. Gott ist aber die Liebe und nochmal die Liebe und nochmal die Liebe, dreieinig in Liebe. Das ist nicht so eine hin gehauchte naive Liebe, auch so süß und nett. Das wäre keine Liebe, das wäre eher Blindheit für die Realität. Die Liebe Gottes macht es gerade aus, dass da keine Illusion darüber herrscht, wie sündhaft wir Menschen sind, wie streitsüchtig, wie grausam, wie verdorben – und gerade diese Menschen, wir, wie wir tatsächlich sind und leben, wir sind geliebt, für uns hat sich Gott auf die unterste Stufe erniedrigt, schlagen lassen, selbst noch am Kreuz seine liebende Hand nach uns ausgestreckt: „Lasst Euch doch versöhnen mit Gott!“ Gott bittet inständig: Ich strecke meine Hände aus den ganzen Tag nach einem ungehorsamen Volk, das nach seinen eigenen Gedanken wandelt auf einem Weg, der nicht gut ist, nach einem Volk, das mich beständig ins Angesicht kränkt. (Jes 65, 2-3)

 

Wir haben mit viel Aufwand schon viel erreicht in der Ökumene. Der Geist, den ich spüre zwischen uns Christen unterschiedlicher Tradition, das ist wirklich der gute Geist, der ein lebendiges mitfühlendes, mutiges Herz aus Fleisch und Blut schafft. Was wir uns so öfters im Gespräch unter 4, 6, 8, 10 Augen anvertrauen und auch bei offiziellen Begegnungen an Freundlichem und Liebe sagen, das ist beachtlich! Wie unsere Herzen so oft im Gleichklang schlagen! Wie wir spüren, dass wir als Christen verschiedener Glaubensrichtungen doch überall die gleichen Schwierigkeiten und Probleme haben und zusammen halten wollen. Wie wir über formalistische Engherzigkeit und kleinliche Gesetzlichkeit einfach miteinander lachen – das dürften manche ängstlichen Kirchenoberen gar nicht hören, und die da Oben denken vermutlich im Herzen auch viel weiter, als sie sich offiziell zu sagen trauen. Ich profitiere jedenfalls schon viel vom Papst und seinen evangelischen Ansichten und wünsche mir, dass meine Oberen es auch im Herzen akzeptieren, dass in der heutigen katholischen Kirche die Anliegen der Reformation im Wesentlichen verwirklicht sind und wir nun mal von evangelischer Seite aus die hinderlichen Mauerreste, die keine Funktion mehr erfüllen, abreißen sollten, ehe sie uns auf den Kopf fallen. Es reicht auch, wenn wir um der Liebe willen Ausnahmen machen von starren Regeln, wenn sich Türen und Lücken in den Mauern öffnen. Da wünsche ich mir die Oikonomia der orthodoxen Kirche, die so befreiend wirkt, so vieles wird möglich, wenn die Situation, die Person, die Verhältnismäßigkeit beachtet wird und da sind wir ganz nah dran an Jesus. Jesus konnte aber auch richtig hart sein und das Gesetz Gottes in voller Härte den harten Herzen konfrontieren. Und in anderer Situation hat er als Herr über die göttlichen Gesetze über alle alten Vorschriften hinweg gesehen und den Menschen einfach in Liebe ins Herz geschlossen: „Ich verurteile Dich nicht!“

 

Der Vater im Gleichnis hat zwei Söhne. Vielleicht waren das im Urchristentum die Christen aus den Juden und die Christen aus den Heiden, jedenfalls zwei recht unterschiedliche Kinder der Kirche. Heute sind wir ja eine viel weiter verästelte Großfamilie. Nicht nur wir drei Geschwister: orthodox, katholisch, evangelisch - da sind kleinere Freikirchen, wie man sagt, teilweise auch schon in die Jahre gekommen und gar nicht mehr so frei, da sind neue, meist charismatisch geprägte selbständige Gemeinden, oft nach Herkunftsländern gegliedert, weil Christen aus Togo und Christen aus Nigeria auch nicht immer gut miteinander können, ja und vergessen wir nicht solche Gemeinschaften wie die Zeugen Jevohas, die sich auf die Bibel berufen, auch wenn sie nicht nach deren Geist leben. Wir müssen uns in Liebe auch um die bemühen, die betrogen oder verblendet sind. Es gibt nur den einen Vater und sein Schmerz muss groß sein über die Kinder, die sich verlaufen haben und vergessen haben, wer sie eigentlich sind und zu welcher Kindschaft sie berufen sind. Kinder muss die Kirche allerdings haben. Es geht von Generation auf Generation. Der Glaube muss weitervermittelt und neu angeeignet werden, er lässt sich nicht eintrichtern. Die Kirche ist gewachsen, verändert sich und die Verwandten haben sich aus den Augen verloren. Die Reformation vor 500 Jahren war ein geistlicher Aufbruch und eine Tragik in der westlichen Christenheit. Vielleicht hätte sie ganz anders verlaufen können, wäre da ein tieferes Glaubensgespräch mit der orthodoxen Kirche möglich gewesen, die damals nicht im Blick und weit entfernt war. Wir hier in der westlichen Kirche müssen uns jedenfalls in Grund und Boden schämen, wenn wir die Spur von Blut und Hass betrachten, die im Zusammenhang mit der politischen Konstellation und dem Machtstreben der Kirchen unsere Länder überzogen und verwüstet hat. Im Bereich der orthodoxen Kirche und auch in Siebenbürgen wurde eine viel friedlichere Geschichte geschrieben, auch gegenüber den Juden – Gott sei Dank. Natürlich ist die Geschichte differenziert zu betrachten und nicht aller Gräuel kann den Kirchen und dem Glauben zugeordnet werden, wie auch heute nicht der Islam generell für allen Terrorismus verantwortlich ist.

 

Doch wie muss Gott leiden unter seinen seltsamen ja abtrünnigen Kindern. Da stellt sich sogar die Frage, ob denn das Christentum wirklich die Religion ist, als die wir sie verkündigen. Wenn da doch kein Unterschied ist zwischen Christen und natürlicher Welt und zu anderen Religionen und Heiden, wenn sie alle ohne Unterschied zur Grausamkeit neigen und sich zerspalten, ohne Spur von dem Geist, der in ihnen wohnen soll, dann wäre doch alles einerlei!

 

Letztens habe ich einer Frau aus Nordafrika in Kürze das Christentum erklären wollen. Ich habe gesagt: Das ist ganz einfach. Es ist mit einem Wort gesagt: Liebe. Zuerst die Liebe Gottes zu uns Menschen, dann unsere Liebe zu Gott. Selbstverständlich dann die gegenseitige Liebe zwischen den Christen. Und nicht zu vergessen die Liebe zu allen anderen Menschen - Nur, dass von den anderen Menschen auch wieder Liebe zurückkommt, das haben wir nicht in der Hand. Dann muss unsere Liebe auch leiden. So wie Gott in seiner Liebe für uns leiden musste, das gehört zur Liebe.

 

Die Dramatik dieser Liebe Gottes schildert uns anschaulich das Gleichnis. Sehr verschieden sind die Söhne. Jeder möchte und darf seinen eigenen persönlichen Weg gehen. Christen dürfen sich aus dem Vaterhaus entfernen, das ganz andere Leben entdecken. Sie werden nicht aufgehalten, nicht psychisch gebunden und nicht durch Gewalt am Glaubensabfall gehindert. Freiheit ist mit der Liebe untrennbar verbunden. Der Sohn weit entfernt von Gott genießt das Leben in vollen Zügen, bis er merkt: Meine Auffassung von Leben ist eine Einbahnstraße. Was er unter Liebe verstand ist nur Vergnügung, Spaß, Verschwendung, wo es zwar Kumpels gibt, doch nicht wirklich ein Geben und Nehmen, kein gegenseitiges Auferbauen. Er hat seinen inneren Schatz geplündert und ist auch äußerlich geplündert worden und hat das zulange für Gewinn gehalten.

 

Erst als er in so große Not geraten ist, als es ihm ans Eingemachte geht und der Magen knurrt und sich die angeblichen Freunde verflüchtigt haben, da geht er in sich, der Sohn, der bisher die Nase so hoch getragen hat und alles besser wusste. Er geht in sich und denkt nach. Nachdenken ist ja bereits etwas Gutes. Es ist noch keine neues Herz und nicht der neue Geist. Ganz rational rechnet er sich aus: Die Tagelöhner bei meinem Vater werden besser bezahlt als ich hier im Land der Ausbeuter und Großkonzerne und ehemaligen Sozialisten. In einem Betrieb, der in einem christlichen Sinne geführt wird, geht es hingegen menschlich zu. Christsein muss in allen Lebensbereichen deutlich werden, dass da einfach ein guter Geist und ein Respekt den Menschen gegenüber zu spüren ist.

 

Dann vertieft sich die Umkehr des Sohnes noch: Ihm geht auf, dass die Rückkehr zum Vater nicht nur eine Sache des Verstandes ist, sondern er wird inne, dass er seinem Vater auch Kummer bereitet hat. Ich habe gesündigt gegen den Himmel und gegen Dich. Das kommt uns schwer über die Lippen: „Ich habe mich versündigt.“ Die Sünde ist gar nicht so sehr das Moralische. Ach, wie sind wir da kleinlich, wenn jemand im letzten Moment daherkommt, wenn er ein wenig geflunkert hat, wenn er in Unwissenheit einen Hinweis, eine Regel übersehen hat. Das nehmen wir schlimmer als Hochmut und Lieblosigkeit. Vor einigen Tagen habe ich am Morgen beim Bibellesen einen Satz im 1. Johannes Brief entdeckt, der hatte es in sich. „Wer seinen Bruder nicht liebt, der ist vom Teufel!“ Scheint nicht so eine kleine Nebensache mit der Liebe zu sein, um die wir uns halt dann auch noch bemühen, wenn erst mal alles seine Ordnung hat. „Wer seinen Bruder nicht liebt, der ist vom Teufel.“ So direkt traut sich Johannes das zu sagen. Da hat der Teufel gesiegt, wo er uns die Liebe aus dem Herzen nimmt und das Herz sich nicht mehr bewegt, starr, versteinert. Da wird dann auch der Glaube gelästert von anderen - Gott wird zum Spott.

 

Alles an Schmerzen erträgt Gott, nur um uns wieder zu gewinnen. Bestimmt hat er geweint um mich, um die, die nach Freiheit suchen und nur ein Phantom finden und zum Schluss vor einem Scherbenhaufen kauern in schweinischer Gesellschaft. Gott triumphiert nicht: „Selber schuld!“ Gott hat das Herz aus Fleisch, er will und kann nicht anders als sich erbarmen. Das Mitleid überwältigt ihn. Es ist ein tätiges Mitleid. Ausschau gehalten hat der Vater, vor Sehnsucht hat er sich verzehrt. Lange musste er warten und hat doch nie die Hoffnung aufgegeben. Er läuft entgegen, will es dem Sohn nicht zu schwer machen. Kein Vorwurf, keine Zurechtweisung, erst mal in die Arme nehmen, egal wie verdreckt und stinkig er ist. Er soll spüren: „Du bist willkommen“ - und ich frage jetzt gar nichts, einfach nur schön, dass du da bist. Sogar ein Kuss. Auch wir Deutschen können ein wenig mehr von dieser orientalischen Herzlichkeit gebrauchen, in Russland küssten sich die Männer auch in kommunistischen Zeiten. Es ist Balsam für die Seele, ohne Worte, einfach spüren, Worte können es oft gar nicht ausdrücken.

 

Der Sohn leiert sein genau überlegtes Sprüchlein herunter, ein Confiteor und eine Demutsgeste: „Ich bins nicht mehr wert, Dein Sohn zu heißen.“ Durchgestylte Theologie mag das sein, gottesdienstliche Gewohnheit, doch was dann kommt, da stockt der Atem, da überbietet die Liebe alles kleinliche Aufrechnen. Der Vater, der von Herzen liebt: Der zeigt durch die Tat: Gerade dieser weggelaufene Bengel, der ihn so sehr verletzt hat, der ist dem Vater der Allerliebste. Ach, schauen wir nicht zurück, was war, das ist vergeben, vergessen, das wird nicht mehr nachgetragen. Fragen wir nicht danach, ob das angemessen und nach menschlichen Maßstäben gerecht ist, sondern: „Du bist jetzt da und jetzt wird Versöhnung gefeiert und alles wird aufgeboten.“ Nur die Hoffnung, die es wagt, den Scherbenhaufen vor die Barmherzigkeit Gottes hinzutragen, nur das mutige Vertrauen auf Gott, das herum stottert – nur solche freche Hoffnung wird die Versöhnung erfahren: Es ist trotzdem alles gut. Der schlimme Schaden wird geheilt. Und selig, wer daran keinen Anstoß nimmt, sondern sich freut über die grenzenlose Liebe Gottes, die nicht den Scher-benhaufen sortiert und brüchig wieder zusammen-flickt, sondern Neuanfang feiert, ein neues Herz, ein neuer Geist, ein volles Ja. Der andere ist unser Ruhm, nicht wir uns selbst. Wir vergessen uns selbst, und die Liebe holt uns aus dem Grab der Selbstgerechtigkeit ins Licht der Liebe Gottes. AMEN.